Sollen oder dürfen Milch und Milchprodukte Teil der Ernährung sein? Dies ist eine Frage, die gerade in der Paleo- und LCHF-Welt oft heiß diskutiert wird. Während die Vertreter einer Paleo-Ernährung Milchprodukte eher ablehnen, scheint es in der LCHF-Gemeinschaft gar nicht ohne Käse, Sahne und Co. zu gehen. Wer hat nun recht?

Wie immer, gestaltet sich die Antwort komplizierter als das zu Beginn den Eindruck macht. Darum wollen wir Schritt für Schritt die Argumente beleuchten und versuchen unsere eigenen Schlüsse zu ziehen.

Das Evolutionsargument

Nehmen wir z. B. Getreide als Nahrungsmittel. Ein Grund, warum Getreide für uns eher weniger günstig ist, dass wir nicht daran angepasst sind. Getreide ist erst seit wenigen Tausend Jahren zu einem bestimmenden Teil unserer Ernährung geworden. Ein ähnliches Argument wird auch oft im Bezug auf den Konsum von Milch und Milchprodukten vorgebracht. Bevor wir begonnen haben, Tiere wie Schaf, Ziege und Rind zu domestizieren, war es sehr unwahrscheinlich, dass wir nach dem Abstillen, Milch – und vor allem Milch anderer Säugetiere – zu uns nahmen.

Jetzt kommt das Große ABER… Im Gegensatz zu Getreide, welches bis zur Entwicklung des Ackerbaus und dem Übergang zu einer sesshaften Lebensweise, kaum in unserer Ernährung vorkam, ist Milch keine fremde Substanz für uns. Schließlich leben wir die ersten Lebensmonate oder sogar -jahre davon. Das heißt Milch ist kein vollkommen fremdes Lebensmittel, sondern etwas Bekanntes mit dem unser Körper grundsätzlich umgehen kann.

Wie ist das nun mit der Milch anderer Säugetiere? Es gibt natürlich Unterschiede zwischen menschlicher Muttermilch und Kuh- oder Ziegenmilch. Die Unterschiede betreffen meist Fettgehalt und Zuckergehalt sowie Eiweißmenge und –zusammensetzung.

Die Milchinhaltsstoffe bei verschiedenen Tierrassen und der Frau[1]

Inhaltsstoffe
pro 100 ml
ME Kuh-
milch
Ziegen-
milch
Schaf
milch
Stuten-
milch
Frauen-
milch
Wasser g 87.2 86.6 82.7 89.7 87.5
Protein g 3.3 3.61 5.2 2.2 1.13
Fett g 3.8 3.92 6.3 1.5 4.03
Kohlenhydrate g 4.7 4.2 4.6 6.2 7.0
Ascheanteil g 0.7 0.7 0.9 0.4 0.25
Mineralstoffe mg
Natrium mg 45.0 42.0 30.0 13.0
Kalium mg 141.0 181.0 182.0 64.0 47.0
Magnesium mg 12.0 14.0 12.0 9.0 3.0
Calcium mg 120.0 127.0 183.0 110.0 32.0
Phosphor mg 92.0 109.0 115.0 54.0 15.0
Eisen µg 59.0 50.0 100.0 65.0 58.0
Kupfer µg 7.0 18.0 88.0 30.0 72.0
Jod µg 6.1 4.1 10.0 6.3
Vitaminen
Vitamin A µg 28.0 68.0 50.0 12.0 69.0
Vitamin D µg 0.17 0.25 0.25 0.07
Thiamin B1 µg 37.0 49.0 48.0 30.0 15.0
Riboflavin B2 µg 180.0 150.0 230.0 30.0 38.0
Vitamin B6 µg 36.0 27.0 80.0 30.0 14.0
Biotin µg 3.5 3.9 9.0 0.6
Vitamin B12 µg 0.41 0.07 0.51 0.3 0.05
Niacin µg 90.0 320.0 450.0 140.0 170.0
Folsäure µg 6.4 0.8 5.0 8.5
Vitamin C mg 1.7 2.0 4.3 15.0 4.4

 

Ziegenmilch

Im Vergleich zur Kuhmilch enthält Ziegenmilch weniger Casein und mehr Albumin, dieses Protein ist leichter verdaulich. Das Fett besteht aus mehr mittelkettigen und weniger langkettigen Fettsäuren. Zudem sind die Fettkügelchen kleiner, sodass die Oberfläche von Lipasen (fettspaltenden Enzymen) schneller angegriffen und verdaut werden kann.

Schafmilch

Ihr Fett- und Eiweissgehalt erreicht fast das Doppelt der Kuhmilch. Viele Kuhmilchallergiker können Schafmilch problemlos konsumieren. Die Eiweiß- und Fettstruktur ist der Ziegenmilch sehr ähnlich, rahmt weniger auf und lässt sich besser verdauen als Kuhmilch.

Laktoseunverträglichkeit und die Besiedlung Europas

Schaut man sich die weltweite Häufigkeit von Laktoseunverträglichkeit an, so fällt auf, das die Unfähigkeit den Milchzucker zu verdauen, keine Seltenheit ist. Ganz im Gegenteil, es scheint sogar eher so zu sein, dass der Großteil der Weltbevölkerung ein Problem mit Laktose hat. Das bedeutet also, das die Fähigkeit den Milchzucker bis ins Erwachsenenalter verdauen zu können, eine eher kürzlich aufgetretene Anpassung ist und vor allem bei Menschen der nördlichen Hemisphäre zu finden ist.

Tatsächlich ist es so, dass man hier von einem Nord-Süd Gefälle sprechen kann. Man vermutet, das die Fähigkeit Milch zu verdauen, einen Selektionsvorteil bei der Besiedelung der nördlichen Hemisphäre darstellte und sich daher hier auch deutlicher manifestiert[2] [3] [4].

Die Laktoseunverträglichkeit ist keine Krankheit, sondern eigentlich die Normalität. Menschen die Laktose im Alter verdauen können, sind eine relativ junge genetische Variation.

Weltweite Verteilung der Laktoseintoleranz in der rezenten Bevölkerung Copyright: NmiPortal

 

 

Die Masai – gesund trotz Milch

Ein starkes Argument, dass Milch nicht grundsätzlich schlecht ist, liefern die Masai. Die Masai sind ein traditionell lebendes Jäger- und Hirtenvolk. Sie leben in erster Linie von Rindfleisch, Rinderblut und Kuhmilch (frisch oder fermentiert)[5].

Das Interessante bei den Masai ist, dass 60% Laktosemalabsorption (Laktoseunverträglichkeit) zeigen, OHNE negative Symptome aufzuweisen[6].

Doch bevor jetzt die Milchbefürworter Freudensprünge vollführen, auch hier haben wir ein Großes ABER! Die Rinder der Masai haben nichts mit dem modernen, auf Hochleistung getrimmten Milchvieh unserer Breiten zu tun. Ganz zu schweigen von (artgerechterer) Aufzucht, Haltung und Fütterung.

Nebenbei ist die Milch, welche die Masai trinken, weder pasteurisiert noch homogenisiert – sie trinken die Milch so, wie sie aus dem Euter kommt. Das Gleiche gilt übrigens auch noch für unsere Großeltern, denn die Vorschrift, Milch zu pasteurisieren und zu homogenisieren ist noch nicht alt.

Masai_initiation_rite_ceremony_-_by_Frédéric_Salein

„Masai initiation rite ceremony – by Frédéric Salein“

 

 

Rohmilch – echte Milch

Der Prozess der Pasteurisation ist nach dem Französischen Wissenschaftler Louis Pasteur benannt, und wird bei Milch etwa seit den 1940er Jahren routinemäßig durchgeführt.

 

Definition aus der Wikipedia:

Am bekanntesten ist die Pasteurisierung von Milch, die hierzu 15 bis 30 Sekunden auf 72 bis 75  °C erhitzt und danach sofort wieder abgekühlt wird. Pasteurisierte Milch bleibt ungeöffnet bei 6 bis 7 °C gelagert etwa 6 bis 10 Tage fast unverändert.

Bei der Hochpasteurisierung wird Milch auf 85 bis 134 °C erhitzt. Die resultierende „hoch pasteurisierte Milch“ ist nahezu keimfrei und bleibt wesentlich länger haltbar als die übliche pasteurisierte Milch (im Kühlschrank bei 5 °C etwa 2 Wochen). Sie wird in Deutschland seit 1990 auch als ESL-Milch angeboten.[2] Eine Pasteurisierung bei Temperaturen von über 135 °C wird Ultrahocherhitzung genannt und führt zu H-Milch.

Louis_Pasteur

Louis Pasteur (1822–1895)

 

 

 

Homogenisierung

Ziel der Homogenisierung ist es, den mittleren Durchmesser der in der Milch vorhandenen Fettglobule (mittlerer Durchmesser der nativen Globule 10 bis 30 µm) unter hohem Druck (150 bis 300 bar) stark zu reduzieren (mittlerer Tropfendurchmesser 1 bis 2 µm), damit die Milch nicht aufrahmt. Dazu wird die Milch unter hohem Druck auf eine Metallplatte gespritzt.

 

 

Wenn ich also von traditionell lebenden, Milch trinkenden Kulturen spreche, dann meine ich damit, dass sie Rohmilch von Gras gefütterten, freilaufenden, gesunden Kühen trinken, die keine Medikamente oder Hormone zur Leistungssteigerung erhalten. Kühe, die im natürlichen Herdenverband leben dürfen, deren Hornanlage nicht im Kälbchenalter herausgebrannt wird und, die 8 kg Milch pro Tag produzieren. Und nicht 50 kg, wie das heutige Hochleistungskühe tun müssen.

Auch wenn die Milch von Kühen, vermutlich nicht das optimale Lebensmittel für Menschen ist, so liefert sie doch eine breites Spektrum an Nährstoffen, Vitaminen, Mineralstoffen, Bakterien und Enzymen, da sie ja einem wachsenden Organismus alle notwendigen Substanzen bieten muss. Das Lebensmittel „Milch“ ist allerdings nur so lange funktional intakt, solange sie roh bleiben darf. Auch wenn die Milchindustrie uns einzureden versucht, dass pasteurisieren und homogenisieren keinen negativen Einfluss auf die Milch hätte, so ist das nicht der Fall.

Unterschied zwischen Rohmilch und pasteurisierter Milch

Enzyme:

Rohmilch – alle Enzyme sind voll funktionsfähig

Past. Milch – 0 – 10% der Enzyme bleiben intakt

 

Protein:

Rohmilch – 100% bioverfügbar, alle 22 Aminosäuren

Past. Milch – Lysin und Tyrosin werden durch Hitze verändert und deutlich weniger bioverfügbar.

Fette:

Rohmilch – alle 18 gesättigten und ungesättigten Fettsäuren sind bioverfügbar. Bei Grasfütterung finden wir auch große Mengen von CLA (Konjugierte Linolensäure)[7].

Past. Milch – Fettsäuren verändern sich durch die Hitze. Besonders die ungesättigten Fettsäuren.

Vitamine:

Rohmilch – alle Vitamine 100% bioverfügbar

Past. Milch – Verluste an den Vitaminen A, D, E, und K kann bis zu 66% betragen. Verlusten der wasserlöslichen Vitamine kann zwischen 38 – 80 % liegen. Verlust an Vitamin C beträgt üblicherweise mehr als 50%.

Kohlenhydrate (Milchzucker):

Rohmilch – leicht zu absorbieren. Möglichweise auch durch die mitgelieferten Enzyme und die guten Bakterien.

Past. Milch – weniger leicht zu absorbieren. Der Mechanismus ist noch nicht ganz geklärt. Es kommt durch die Hitze zu strukturellen Veränderungen, außerdem sind die Enzyme nicht mehr Funktionsfähig und die guten Bakterien sind abgetötet.

Mineralstoffe:

Rohmilch – alle Mineralstoffe sind 100% bioverfügbar. Die häufigsten Mineralstoffe sind Calcium, Magnesium, Phosphor, Kalium, Chlor, Salz und Schwefel.

Past. Milch – Verlust an Vitamin C beträgt üblicherweise mehr als 50%; der genaue Grad hängt von der Temperatur ab. Dadurch entsteht dann auch ein Verlust der Enzymaktivität, welche eine wichtige Rolle bei der Aufnahme zahlreicher Mineralstoffe spielt.

Bakterien:

Gute Rohmilch enthält vor allem Säure formende Bakterien. Diese behindern, dass Wachstum von Fäulnisbakterien. Daher wird Rohmilch auch nicht schlecht, sondern sauer.

Woher kommt die Angst vor Rohmilch?

Bis zur Industrialisierung der Landwirtschaft, also mit Ende des 19. Jahrhunderts war es vollkommen normal und unbedenklich Rohmilch und Rohmilchprodukte zu konsumieren. Mit dem Beginn der Industrialisierung wurden nicht nur die Lebensbedingungen für die Menschen in den Städten schlechter, auch die Tierhaltung veränderte sich. Ganz im Geiste der industriellen Revolution dachte man, man könnte auch Tiere am Fließband „produzieren“. Ohne Medikament und Antibiotika, wie sie heute der modernen Landwirtschaft zur Verfügung stehen, ist die beginnende Massentierhaltung der ideale Brutplatz für Krankheitserreger aller Art.

Katastrophale Haltungsbedingungen, schlechte Ernährung und mangelnde Hygiene führten zur Kontamination der Milch mit gefährlichen Krankheitserregern. Unter diesen Umständen war es tatsächlich gefährlich rohe Milch zu trinken. Vor allem Tuberkulose und Brucellose waren noch bis 1983 die Hauptkrankheitserreger in Milch.

Wie ist die Situation heute?

In einem offiziellen Statement[8] des US amerikanischen Centre for Disease Control aus 2013 fasst Nadine Ijaz die Situation wie folgt zusammen:

Infektionsrisiko

Das Infektionsrisiko wird über das Quantitiative Microbial Risk Assasment (QMRA) ermittelt. Der QMRA erfasst folgende Parameter:

  • Risiko pro Konsument oder Risiko pro Portion
  • Wahrscheinlichkeit für eine schwerwiegende oder tödliche Erkrankung
  • Risiko durch demografischen oder immunologischen Status

Der QMRA teilt das Risiko in niedrig, mittel oder hohes Risiko ein.

Rohmilch und Lysteria monocytogenes[9]

  • Niedriges Risiko QMRA (2011), auch für Neugeborene und Senioren
  • Keine bekannten Erkrankungsfälle in den letzten 40 Jahren

Rohmilch und Campylobacter[10]

  • Wesentlich niedrigeres Risiko für Rohmilch als für zu Hause zubereitetes Huhn.

Rohmilch und E.coli 0157

  • Das Risiko an hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) zu erkranken liegt für Rohmilch unter dem von zu Hause zubereiteten Fleischleibchen[11].
  • Das Risiko einer E.coli Infektion durch Rohmilch liegt signifikant niedriger als durch den Konsum von Blattsalaten an einer Salatbar[12].

Rohmilch und Staphylococcus aureus

  • QMRA Risiko Evaluation für S.aureus in Rohmilch – sehr niedrig
    […] Rohmilch stellt kein wirkliches Risiko für Staphylococcus aureus Enterotoxin Vergiftung dar […][13]
  • Weltweit KEIN einziger Fall von S.aureum Infektionen, die mit Rohmilch in Verbindung stehen könnten[14]. Obwohl S.aureum ein in Rohmilch häufig gefundener Keim ist[15].

Welche Vorteile hat es Rohmilch zu konsumieren?

1) Nährstoffe und Immunfaktoren werden durch die Pasteurisierung verändert

Nährstoffe und Immunfaktoren Pasteurisierte Milch Rohe Milch
Vitamin A 35% Reduktion 100% Aktiv
Vitamin C 25 to 77% Reduktion 100% Aktiv
Vitamin E 14% Reduktion 100% Aktiv
Eisen 66% Reduktion 100% Aktiv
Zink 70% Reduktion 100% Aktiv
B-Vitamine 38% Reduktion 100% Aktiv
Enzyme 100% Zerstört 100% Aktiv
Immunoglobuline Zerstört 100% Aktiv
Molke Protein Zerstört 100% Aktiv

Tabelle: Quelle [16] [17]

2) Immunsystem

Nährstoffe wie Probiotika, Vitamin D und Immunoglobuline wirken auf natürliche Weise immunisierend und unterstützen so das Immunsystem[18]. Bei einer Studie (2011), die mit über 7000 Kindern aus ländlichen Gebieten Österreichs, Deutschlands und der Schweiz durchgeführt worden war, fanden die Forscher eine negative Korrelation zwischen der Konsumation von roher Milch und dem Auftreten von Asthma und Heuschnupfen. Das heißt, je mehr Rohmilch konsumiert wurde, um so weniger häufig waren Heuschnupfen und Asthma.

In einer, 2014 im British Journal of Nutrition, veröffentlichten Studie fütterten die Forscher unterschiedliche Typen von Milch an Mäuse und testeten die Auswirkung auf das Immunsystem. Die Mäuse aus der Rohmilchgruppe zeigten die beste Reaktion auf Allergene[19].

3) Schutz vor Asthma?

Milchproteine werden durch die Pasteurisierung verändert. Alpha-lactalbumin, Beta-lactoglobulin, Bovine serum albumin und Immunoglobulin scheinen bei der protektiven Wirkung von Rohmilch eine Rolle zu spielen[20].

Probleme mit konventioneller Milch

Es gibt zahlreiche Studien, sowohl klinischer als auch epidemiologischer Natur, die zeigen, dass der Konsum von Milch und Milchprodukten zu gesundheitlichen Problemen führen kann. Im Hinblick auf die, im ersten Teil genannten Argumente, ist es wohl sicher anzunehmen, dass die beobachteten negativen Effekte ausschließlich auf konventionelle, homogenisierte und pasteurisierte Milch zutreffen.

Hormonelle Wirkung, Insulin und Wachstum

Die Milch (von jedem Säugetier) ist für das Neugeborene bestimmt, welches eine hohe Zellteilungsrate und ein hohes Wachstum aufweist. Wachstum und Zellteilung mögen für einen jungen Organismus gut und richtig sein, könnte jedoch für einen bereits ausgewachsenen Organismus negative Konsequenzen haben.

IGF-1 (Insulin-like Growth-Factor-1)

IGF-1 ist ein Hormon, welches eine zentrale Rolle während des Wachstums spielt. Bei Erwachsenen zeigt es anabole (körperaufbauende, muskelaufbauende) Effekte. Die Rolle von IGF-1 bei der Entstehung von Krebs ist noch unklar. Es gibt einige Krebsarten, bei denen IGF-1 eine Rolle spielt.

Die anabole Wirkung von Milch ist schon lange bekannt und wird vor allem im Bodybuilding eingesetzt.

Die Mengen von IGF-1 in natürlicher Milch sind gering im Verhältnis zu den Mengen, die man im menschlichen Körper findet. Ein weiterer Punkt ist, dass bei gesunden Menschen, oral eingenommenes IGF-1 so gut wie nicht absorbiert wird.

Leaky-gut und IGF-1 Absorption

Was ist allerdings, wenn die Barrierefunktion des Darms beeinträchtigt ist?

Säuglinge, die natürlicherweise einen durchlässigeren Darm haben, und Menschen mit Autoimmunerkrankungen oder Darmerkrankungen, nehmen sehr viel mehr IGF-1 auf [21]. Menschen, die mehr als drei Gläser Milch pro Tag konsumierten, hatten 10% höhere IGF-1 Levels als Menschen, die nur 1,5 Gläser Milch pro Tag konsumierten[22].

Das heißt, auch wenn Grundsätzlich die Aufnahme von IGF-1 über den Darm stark limitiert ist, stellt sich doch die Frage, wer überhaupt noch eine intakte Barrierefunktion hat? Gluten, Stress und Medikamente wie Aspirin erhöhen nachweislich die Durchlässigkeit des Darms. Diese allgemein höhere Sensibilisierung in einer großen Bevölkerungsgruppe wird oft vollkommen außer Acht gelassen[23].

Recombinant Bovine Growth Hormone (rBGH)

rBGH ist ein natürlich vorkommendes Wachstumshormon bei Rindern. In den USA ist dieses Hormon in der Landwirtschaft zugelassen und wird den Kühen verabreicht, um die Milchleistung zu steigern. Dieses Hormon ist in der Europäischen Union NICHT zugelassen. Kühe, die mit rBGH behandelt werden, haben stark erhöhte IGF-1 Werte in der Milch[24].

Insulinstimmulation

Milch hat einen recht hohen Gehalt an Zucker (Laktose). Dieser Zucker stimuliert die Ausschüttung von Insulin. Gerade wenn die Reduktion von Körperfett angestrebt wird oder eine Insulinresistenz vorliegt, ist dieser Effekt eher kontraproduktiv.

Neben Zucker stimulieren auch größere Mengen an Aminosäuren die Ausschüttung von Insulin. Das ist das Problem mit vielen verarbeiteten Milchprodukten wie Käse, Topfen oder Cottage Cheese. Diese Produkte haben meist einen sehr hohen Proteingehalt. Wird diese Proteinladung nicht mit Fett abgepuffert, dann kommt es zu einem raschen Anstieg von Aminosäuren im Blut und somit auch zu einer Insulinausschüttung.

Östrogen

Ein weiterer Punkt der Besorgnis ist Östrogen in Milch[25]. In der industrialisierten Welt werden Kühe 300 Tage im Jahr gemolken, wobei sie die meiste Zeit davon Trächtig sind. Je nach Phase der Trächtigkeit variiert die Menge an Östrogen in der Milch. Die Milch einer Kuh in einer späten Trächtigkeitsphase enthält 33 mal mehr Estron-Sulfat (Östrogenprohormon) als die Milch einer nicht trächtigen Kuh.

Bei traditionellen Hirtenvölkern wie den Mongolen werden die Kühe nur 5 Monate im Jahr gemolken. Eine Studie verglich kommerzielle Milch in Japan mit Rohmilch aus der Mongolei. Die Milch aus Japan enthielt 10 mal mehr Progesteron und andere Hormone als die Rohmilch aus der Mongolei[26].

In der Mongolei, wo der Großteil der Bevölkerung noch als traditionelle Hirten lebt, ist das Auftreten von Brustkrebs 8,0 pro 100.000, während es in Japan bei 42,7 in Europa bei 66,6 und in den USA bei 76,7 pro 100.000 Einwohner liegt[27]. Die Mongolen leben wie die Masai, hauptsächlich von fettreichem Fleisch und Milch.

Allergien und Autoimmunerkrankungen

Nicht verleugnen lässt sich der positive Effekt von Milchverzicht (vor allem konventionelle Milch) auf bestimmte Allergien und Autoimmunerkrankungen. Ich sehe zwar persönlich nicht die direkte Ursache in der Milch, denn das deckt sich nicht mit den antropologischen Daten. Mit Hinblick auf die zahlreichen Verarbeitungsschritte, die kommerzielle Milch durchlaufen muss und das gleichzeitige Auftreten intestinaler Permeabilität (Durchlässigkeit des Darms) bei diesen Erkrankungen ist es ratsam, auf jeden Fall auf Milch zu verzichten.

Suchtpotential

Ähnlich wie das Glutenprotein aus Getreide, kann auch Caseinprotein aus Milch die Bluthirnschranke überwinden und dort an Opioidrezeptoren im Gehirn binden[28]. Das heißt, das Suchtzentrum des Gehirns wird aktiviert. Dieser Aspekt, kombiniert mit dem Problem, dass sehr viel mehr Menschen von einem durchlässigen Darm betroffen sind, als man das vermuten würde, deutet auf eine unterschätze Problematik hin.

Was ist mit Calzium?

Milch und Milchprodukte sind definitiv KEIN essenzieller Bestandteil der menschlichen Ernährung. Wer einem evolutionären Lebensstil folgt, egal aus welchen Gründen, braucht sich nicht vor irgendwelchen Mangelerscheinungen fürchten. Wer das Tier von „Kopf bis Schwanz“ verzehrt, häufig Knochenbrühe trinkt und viel grünes Gemüse isst, wird ausreichend mit Calzium versorgt. Für eine gute Knochendichte sind auch noch andere Faktoren ausschlaggebend, nämlich ausreichend Vitamin D, Vitamin K2 und Krafttraining.

Ethischer Aspekt der Milchproduktion

Als letzte, aber nicht minder bedeutende Überlegung zu Milchkonsum generell, ist die ethisch-moralische Komponente. Milchkühe müssen jedes Jahr ein Kalb auf die Welt bringen, um Milch zu geben. Hatte man früher Mehrnutzungsrassen, die für Fleischproduktion, Milch und zu Oma‘s Zeiten auch zur Arbeit eingesetzt werden konnten, so finden wir heutzutage in der modernen Milchproduktion Hochleistungskühe, die einzig und alleine zu dem Zweck gezüchtet wurden, um Milch zu geben. Das Problem ist nun – was tun mit den vielen Kälbern? Weibliche Kälber können teilweise wieder zu Milchkühen werden, aber was passiert mit den Bullenkälbern?

Nachhaltigkeit auch bei Milch

Ich persönlich denke, dass ein Einschränken des Milchkonsums, gerade unter den Aspekten der Herstellung und Verarbeitung ratsam erscheint. Möchte man nicht gänzlich auf Milchprodukte verzichten, dann kann man auch hier „bessere“ Entscheidungen treffen. Man kann Milchbauern unterstützen, die noch Zweinutzungsrassen einsetzen, wie zum Beispiel das Pinzgauer-Fleckvieh.

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Pinzgauer-Fleckvieh – Bild von O.Taris – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

 


 

[1] Souci, Fachmann, Kraut: Die Zusammensetzung der Lebensmittel, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 1994

[2] Yoshida Y, Sasaki G, Goto S, Yanagiya S, Takashina K. (1975); Gastroenterol Jpn. 1975;10(1):29-34. „Studies on the etiology of milk intolerance in Japanese adults.“

[3] R K Tandon, Y K Joshi, D S Singh, et.al.; Lactose intolerance in North and South Indians; The American Society for Clinical Nutrition, Inc; May 1981 vol. 34 no. 5 943-946

[4] Robert D. McCracken, „Lactase Deficiency: An Example of Dietary Evolution,“ Current Anthropology 12 (Oct.-Dec. 1971, pp. 479-517)

[5] Jackson RT, Latham MC., Lactose malabsorption among Masai children of East Africa.; Am J Clin Nutr. 1979 Apr;32(4):779-82.

[6] Jackson, Robert T., and Michael C. Latham. „Lactose malabsorption among Masai children of East Africa.“ The American journal of clinical nutrition 32.4 (1979): 779-782.

[7] Dhiman,  T. R., G. R. Anand, et al. (1999). „Conjugated linoleic acid content of milk from cows fed different diets.“ J Dairy Sci   82(10): 2146-56

[8] Ijaz, N. 2013. Unpasteurized Milk: myths and evidence. Grand Rounds Presentation. BC Centre for Disease Controe. http://www.bccdc.ca/NR/rdonlyres/00E8757C-99E4-4414-8C54-2C92BB776567/0/RevisedPresentationJuly8RawmilkmythsandevidenceNadineIjaz_PROTECTED.pdf

[9] Latorre, A. et al. 2011. Quantitative Risk Assessment of Listeriosis Due to Consumption of Raw Milk. Journal of Food Protection. Nr.8. pp. 1224-1394 , pp. 1268-1281(14)

[10] Giacometti, F. et al. 2012. Foodborne Pathogens in In-Line Milk Filters and Associated On-Farm Risk Factors in Dairy Farms Authorized To Produce and Sell Raw Milk in Northern Italy. Journal of Food Protection.Nr.7.pp. 1184-1358 , pp. 1263-1269(7)

[11] Cassin, M. 1998. Quantitative risk assessment for Escherichia coli O157:H7 in ground beef hamburgers. International Journal of Food Microbiology. 41 (1). pp 21–44.

[12] Franz, E. et al. 2010. Quantitative Microbial Risk Assessment for Escherichia coli O157:H7, Salmonella, and Listeria monocytogenes in Leafy Green Vegetables Consumed at Salad Bars. Journal of Food Protection. Nr.2. pp. 212-404 , pp. 274-285(12).

[13] Heidinger, J.C. 2009. Quantitative Microbial Risk Assessment for Staphylococcus aureus and Staphylococcus Enterotoxin A in Raw Milk. Journal of Food Protection. Nr.8. pp. 1596-1801 , pp. 1641-1653(13).

[14] Claeys, W.L. et al. 2013. Raw or heated cow milk consumption: Review of risks and benefits. Food Control. Vol. 31( 1). pp.251–262.

[15] Oliver, S.P. et al. 2009. Food Safety Hazards Associated with Consumption of Raw Milk. Foodborne Pathogens and Disease. Vol. 6(7). pp.793-806.

[16] Macdonald LE. 2011. A systematic review and meta-analysis of the effects of pasteurization on milk vitamins, and evidence for raw milk consumption and other health-related outcomes. J Food Prot. 2011 Nov;74(11):1814-32.

[17] Panfili G. et al. 1998. Influence of thermal and other manufacturing stresses on retinol isomerization in milk and dairy products. Journal of Dairy Research. 65. 253-260.

[18] Loss, G. et al. 2011. The protective effect of farm milk consumption on childhood asthma and atopy: The GABRIELA study. Journal of Allergy and Clinical Immunology. 128( 4). pp. 766–773.e4

[19] Hodgkinson, Alison J., Natalie A. McDonald, and Brad Hine. „Effect of raw milk on allergic responses in a murine model of gastrointestinal allergy.“ British Journal of Nutrition 112.03 (2014): 390-397.

[20] Loss, G. et al. 2011. The protective effect of farm milk consumption on childhood asthma and atopy: The GABRIELA study. Journal of Allergy and Clinical Immunology. 128( 4). pp. 766–773.e4

[21] Breast-feeding and growth factors in preterm newborn infants. Díaz-Gómez NM, Domenech E, Barroso F

J Pediatr Gastroenterol Nutr. 1997 Mar; 24(3):322-7.

[22] Dietary changes favorably affect bone remodeling in older adults. Heaney RP, McCarron DA, Dawson-Hughes B, Oparil S, Berga SL, Stern JS, Barr SI, Rosen CJ. J Am Diet Assoc. 1999 Oct; 99(10):1228-33.

[23] Mercola, Joseph, and Cory Mermer. „Many people are taking insulin-like growth factor-I without even knowing it.“ Western journal of medicine 175.6 (2001): 378.

[24] Increased milk levels of insulin-like growth factor 1 (IGF-1) for the identification of bovine somatotropin (bST) treated cows. Daxenberger A, Breier BH, Sauerwein H. Analyst. 1998 Dec; 123(12):2429-35.

[25] Pape-Zambito (2010): „Estrone and 17beta-estradiol concentrations in pasteurized-homogenized milk and commercial dairy products.“

[26] Hartmann, Sonja, Markus Lacorn, and Hans Steinhart. „Natural occurrence of steroid hormones in food.“ Food Chemistry 62.1 (1998): 7-20.

[27] Troisi R, Altantsetseg D, Davaasambuu G, et al. Breast cancer incidence in Mongolia. Cancer Causes Control.2012;23(7):1047–1053, and personal communication, September 2012.

[28] Lister, Josh, et al. „Behavioral effects of food-derived opioid-like peptides in rodents: Implications for schizophrenia?.“ Pharmacology Biochemistry and Behavior 134 (2015): 70-78.

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Julia Tulipan ist Biologin (Mag.) und Personal Fitness and Health Trainer (Dipl.) und schreibt für verschiedene Online-Magazine und für ihr eigenes Blog paleolowcarb.de vor allem zu den Themen gesunde und artgerechte Ernährung und Bewegung. Julia hat selbst lange mit ihrer Gesundheit gekämpft. So wurde ihr Interesse an gesunder Ernährung geweckt. Seither hat sie sich mit Low Carb und der Paleo-Ernährung Stück für Stück mehr Lebensqualität zurück erkämpft. Heute verhilft sie auch als Food-Coach und Personal Trainerin anderen zur Topform. Von Julia kannst Du Dich hier individuell beraten lassen.

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