Ich wollte es ganz klar in den Titel schreiben. Die aktuelle Studie an Mäusen veröffentlicht am 13. Jänner 2014, mit dem griffigen Titel A red meat-derived glycan promotes inflammation and cancer progression beweist „leider“ nicht, was der Titel verspricht.

fleisch

 

Rotes Fleisch, also Rind, Lamm und Schweine-Fleisch, wird schon lange bezichtigt ungesund zu sein und es wird vermutet, dass es „Schuld“ an Herzerkrankungen und Krebs ist. Wie in meinem letzten Artikel beschrieben, ist es bei menschlichen Ernährungsstudien (Beobachtungsstudien) allerdings nicht möglich von einer Ursache auf die Wirkung zu schließen.

Versetzen wir uns also zuerst einmal in die Wissenschaftler. Jeder weiß ja, dass rotes Fleisch ungesund ist. Vor allem wurde es (fälschlicherweise) mit Herzinfarkt und Darmkrebs (<= das ist später noch wichtig!) in Verbindung gebracht. Da bis jetzt aber kein Mechanismus gefunden wurde, der die Ursache dafür ist, sondern eben nur Assoziationen ohne kausale Beweise, haben die Forscher die einzelnen Komponenten von Fleisch genauer unter die Lupe genommen. Dabei haben Sie einen speziellen Zucker, Neu5Gc, gefunden. Der muss jetzt also Schuld an den Gesundheitsproblemen sein.

Speise-Probe Neu5Gc in µg/g Neu5Gc in %
Milch 2 12
Rind 25-131 32-53
Schwein 7-40 9-22
Kaviar (auch Lachsrogen) 445-530 13-29
Ziegen Käse 43 44

 

Das Argument, bzw. der vorgeschlagene Mechanismus ist, dass der menschliche Körper dieses Zucker-Molekül nicht verdauen kann und der Körper mit Entzündungen antwortet. Schon an der Menge von Neu5Gc sehen wir, das Kaviar und Ziegenkäse besonders gefährlich (bitte nicht ernst nehmen) sind. Kaviar hat viermal soviel Neu5Gc wie Rindfleisch. Das nur mal so nebenbei.

Es wurden nun spezielle Mäuse gezüchtet, denen – wie uns Menschen – das Gen zur Verarbeitung von Neu5Gc fehlt. Sie bekamen eine Maus-Nahrung angereichert mit diesem Zucker und Ihnen wurden auch noch Antikörper gespritzt. Jetzt erst haben die Mäuse Tumore entwickelt und zwar 5 mal so häufig wie die Kontrollgruppe (normal gefütterte Mäuse)

Das Essen war übrigens ein Soja-Futter der Firma Dyets mit folgenden Zutaten: Maisstärke, Dyetrose (ein von der Firma entwickelter Zucker), Soja Protein Isolat, Zucker, Zellulose, Sojaöl, Salz und Vitamine. Na dann: Mahlzeit. Gesund schaut das nicht aus.

Die Mäuse entwickelten daraufhin Leberzellkarzinome (Hepatozelluläres Karzinom – HCC). Das ist besonders deshalb interessant, da rotes Fleisch ja eigentlich in Verdacht steht Darmkrebs zu verursachen, und nicht Leberzellenkarzinome. Natürlich ist auch die Assoziation mit Darmkrebs nur generell schwach in der Ausprägung und nicht statistisch signifikant ([6] 2011 Review unter )

Warum sollte also plötzlich das Rote Fleisch die Leber und nicht den Darm angreifen?

Auch ist interessant, dass nur insgesamt 13 Mäuse für diesen Versuch verwendet wurden. Es scheint aber ein statistisch signifikantes Ergebnis zu sein.

Doch wieviel Leberzellkarzinom gibt es überhaupt. Müssen wir uns sorgen machen und was bedeutet ein 5-mal höheres Risiko

Ich vergleiche hier Zahlen aus England auf Bevöllkerungsebene, da ich leider keine Zahlen für Österreich und Deutschland gefunden habe.

Pro 100.000 Einwohner haben wir in England

6,6 Fälle von Leberzellkarzinom

396 Fälle von Krebs gesamt (alle Arten)

168 Todesfälle durch Krebs gesamt

Anders gesagt: Leberzellkarzinome ist nur eine von über 200 verschiedenen Krebsarten. Nur 6,6 von 396 Fällen pro 100.000 Einwohner sind dabei Leberzellkarzinome (1,66% der Fälle). Selbst bei einer fünffachen Erhöhung (also 33 statt 6,6) wären das nur 8,3% aller Krebsdiagnosen.

Selbst wenn die Annahme der Wissenschaftler stimmt, wäre die tatsächliche Auswirkung für uns Menschen äußerst gering.

Bestätigungsfehler

(Quelle Wikipedia)

Der Begriff Bestätigungsfehler (confirmation bias) bezeichnet in der Kognitionspsychologie die Neigung, Informationen so auszuwählen, zu suchen und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen erfüllen. Unbewusst ausgeblendet werden dabei Informationen, die eigene Erwartungen widerlegen (disconfirming evidence). Die betreffende Person unterliegt dann einer Selbsttäuschung oder einem Selbstbetrug.

Ich denke, dass die Wissenschaftler an die Verbindung Rotes Fleisch <-> Krebs glauben (obwohl ja eigentlich widerlegt) und deshalb einen Mechanismus aktiv gesucht haben, der ihre Erwartungen erfüllt. Dabei wurden andere Informationen unterdrückt.

Maus-Ernährung

Genau wie beim Menschen bin ich bei einer Ernährung mit Soja äußerst kritisch. Mäuse sind auch Allesfresser und haben in diesen Versuchen eine einseitige Kost bekommen.

Fraglich ist, inwiefern eine Kost die künstlich mit Neu5Gc angereichert wird und nicht natürliche Lebensmittel mit allen anderen Bestandteilen enthält, mit unserer Ernährung vergleichbar ist.

Maus Modell

Eine genetisch defekte Maus, künstlich zusammegestellte Ernährung und Antikörper aus roten Blutkörperchen von Schimpansen (Neu5GC Antikörper – RBC ghost). Wie relevant ist das für uns Menschen? Hier kann so viel anderes am Werk sein. Leider bin ich kein Arzt oder Biochemiker und möchte nur zu bedenken geben, dass viele Tierversuche an Mäusen oder Ratten eben nicht auf uns Menschen übertragbar sind, da wir doch zu unterschiedlich funktionieren.

Kleine Gruppe (Sample Size)

6 Mäuse als Kontrollgruppe, 7 Mäuse als Versuchsgruppe. Ich hätte gerne gewusst wieviele der C57BL/6  Mäuse man normalerweise braucht um „spontan“ Krebs zu entwickeln. Ob da 6 Mäuse reichen? Die im Artikel angegebene Studie hatte 200 Mäuse untersucht um die Krebshäufigkeit bei dieser Mausart zu ermitteln..

Healthy User Bias

Interessanterweise heißt dieser Begriff auf Deutsch laut Wikipedia Healthy Worker Effekt (HWE – der geunde Arbeiter Effekt)

Personen die sich zum Beispiel vegetarisch oder vegan ernähren sind oft generell gesünder als die Gesamtbevölkerung. Sie beschäftigen sich aktiv mit Ernährung und Sport. Dies verzehrt das Bild von epidemiologischen Studien (Beobachtungsstudien) oft, sodass diese Gruppe relativ gesehen gesünder erscheint als sie es tatsächlich ist. Richtigerweise müsste man in solchen Studien Vegetarier mit „normalen“ Essern vergleichen, die sich ebenfalls ähnlich gut/viel mit Ernährung und Bewegung beschäftigen.

Eines der tragischsten Beispiele für den Healthy User Effekt ist die Verschreibung von Hormonersatz Therapie für Postmenaupausale Frauen aufgrund von Fehlinterpretation der Studien-Daten. Heute wissen wir, dass das viele Frauen das Leben gekostet hat, da sie mit Therapie ein 29% höheres Auftreten von Herzkreislauferkrankungen hatten.

„Die originale Beobachtungsstudie scheint die Vorteile von präventativer Therapie übertrieben zu haben“

aus http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3077477/

Rotes Fleisch und verarbeitetes Fleisch

Große Populationsstudien zeigen keinen Zusammenhang zwischen unverarbeitetem rotem Fleisch und gesundheitlichen Folgen (Kappeler et al., 2013 [2] and Rohrmann et al., 2013 [3]). Diese Ergebnisse sind übereinstimmend mit der größten weltweiten Meta-Analyse, die auch keinen Zusammenhang mit Herzkreislauferkrankungen (CHD) aufzeigen konnte (Micha et al., 2010 [4])

Die Empfehlung, den Konsum von rotem Fleisch einzuschränken ist einige Jahrzehnte alt und resultiert aus der Idee den Konsum von gesättigtem Fett einzuschränken, was durch neuere Studien als nicht mehr korrekt gilt (Siri-Tarino, Sun, Hu, & Krauss, 2010 [5])

Die European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC) – Untersuchung zum Zusammenhang von Krebs und Ernährung – folgte fast einer halben Million Menschen in 10 europäischen Ländern über einen Zeitraum von 12 Jahren [3]. EPIC fand keinen signifikanten Zusammenhang zwischen unverarbeitetem roten Fleisch und Gesamtsterblichkeit, Tod durch Herzkreislauferkrankungen, Krebs oder anderen Faktoren.

EPIC fand keinen signifikanten Zusammenhang zwischen unverarbeitetem roten Fleisch und Gesamtsterblichkeit

Einen leicht positiven Zusammenhang gab es aber mit verarbeitetem rotem Fleisch (Wurst, Speck, Dosenfleisch, …). Hier möchte ich aber noch einmal auf den Healthy User Bias verweisen, der umgekehrt auch zutreffen kann. Personen die eher Fertigprodukte und Wurstwaren essen haben vielleicht noch andere Ernährungsweisen die ungesund sind.

Fazit

Eine interessante Studie, die uns leider nichts sagt.

Selbst wenn eine Steigerung von 1,6% auf 8,3% der Krebsdiagnosen Leberzellkarzinome wirklich von 13 Mäusen auf uns Menschen umlegbar wäre hätte das auf unsere Gesundheit und Sterblichkeit vermutlich kaum eine Auswirkung.

Aufgrund der vielen methodischen Fehler würde ich diese Studie nicht allzu ernst nehmen, vor allem da eine der Hauptaussagen, Rotes Fleisch hängt mit Darmkrebs zusammen, bei den Mäusen gar nicht aufgetreten ist und der Zusammenhang mit Krebs sich in den aktuellen Studien bei Menschen [3] [4] nicht bestätigt hat.


Referenzen

[1] Samraj, A.N., Pearce, O.M.T., Läubli, H., Crittenden, A.N., Bergfeld, A.K., Banda, K., Gregg, C.J., Bingman, A.E., Secrest, P., Diaz, S.L., Varki, N.M., Varki, A., 2015. A red meat-derived glycan promotes inflammation and cancer progression. PNAS 112, 542–547. doi:10.1073/pnas.1417508112 (PDF)

[2] R. Kappeler, M. Eichholzer, S. Rohrmann

Meat consumption and diet quality and mortality in NHANES III

European

[3] S. Rohrmann, K. Overvad, H.B. Bueno-de-Mesquita, M.U. Jakobsen, R. Egeberg, A. Tjønneland, et al.

Meat consumption and mortality — Results from the European prospective investigation into cancer and nutrition

BMC Medicine, 11 (2013), p. 63

[4] R. Micha, S.K. Wallace, D. Mozaffarian

Red and processed meat consumption and risk of incident coronary heart disease, stroke, and diabetes mellitus: A systematic review and meta-analysis

Circulation, 121 (2010), pp. 2271–2283

[5] P.W. Siri-Tarino, Q. Sun, F.B. Hu, R.M. Krauss

Meta-analysis of prospective cohort studies evaluating the association of saturated fat with cardiovascular disease

American Journal of Clinical Nutrition, 91 (2010), pp. 535–546

[6] Review 2011: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20663065

H/T – Danke an: Robb Wolf Podcast und Blog Post sowie Science Direct

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Leo Tulipan

Leo ist erst durch das Buch Good Calories, Bad Calories so richtig bewußt geworden, wie falsch die aktuellen Ernährungsempfehlungen sind. Dass er eine "gut formulierte" Low Carb Ernährung nun schon seit 2 Jahren erfolgreich umsetzen kann, verdankt er seiner Frau Julia sowie Dr. Phinney und Dr. Volek

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