Dieser Artikel ist in Diabetes Aktuell 12/2017 erschienen. Danke an Carl Aschenbrenner-Rieger für die Unterstützung.

Diabetes ist ein globales Problem. Laut aktuellen Berichten der International Diabetes Federation ist bereits jeder 11. Erwachsene von Diabetes betroffen. War Diabetes mellitus noch Anfang des 20. Jahrhunderts eine äußerst seltene Erkrankung und fast schon eine medizinische Kuriosität, rangiert es heute unter den Top 10 der häufigsten Todesursachen. Zwischen 1998 und 2012 ist die Zahl der Diabetiker um 38% gestiegen und täglich kommen im Schnitt 1000 Neuerkrankte hinzu.

Heilung ausgeschlossen?!

Die moderne Medizin sieht Diabetes Typ 2 als eine progressiv verlaufende Krankheit, die zwar in ihrem Vorschreiten gebremst aber nicht aufgehalten oder gar verbessert werden kann. Man weiß auch, dass Gewichtreduktion bei Übergewicht und eine strenge kalorienreduzierte Diät zu einer Verbesserung und oft sogar zu einer Normalisierung der Blutzucker und Hba1c Werte führen kann, sieht diesen Ansatz aber wenig optimistisch, da diese Art der Diät nicht langfristig durchgehalten werden kann.  Dauerhafte Kalorienrestriktion führt zu einer Reduktion des Stoffwechsels, ist psychisch sehr belastend und auch die Unterversorgung mit lebenswichtigen Vitaminen ist vorprogrammiert[1].

Ernährungsempfehlungen sind Kontraproduktiv

Die eigentliche Krux an der Sache ist, dass die derzeit gültigen Ernährungsempfehlungen für Diabetiker und Menschen mit einer gestörten Kohlenhydrattoleranz ungeeignet sind. Daten aus Studien und Fallbeispielen zeigen, dass eine Reduktion der Kohlenhydrate und eine Erhöhung der Fettmenge in der Ernährung, einen positiven Effekt auf Blutparameter und Risikofaktoren hat[2] [3].

Die Bedeutung der Reduktion der Kohlenhydrate findet sich mittlerweile auch in offiziellen Leitlinien. So schreibt der Deutsche Verband:“ Beim Diabetes leiden die Patienten unter einer Kohlenhydratstoffwechselstörung. Es ist sinnvoll, hier eine Ernährungsweise zu empfehlen, die die Kohlenhydrate zwar nicht verbannt, aber auch nicht favorisiert. Diese Ernährungsweise heißt Low Carb. Mit Low Carb steigt der Blutzucker nach einer Mahlzeit nur gering an, worauf eine geringe Insulinausschüttung folgt. Der gesamte Stoffwechsel wird entlastet und die Bauchspeicheldrüse kann geschont werden[4].“

 

Low-Carb eigentlich ein alter Hut

Die Behandlung von Diabetes mit einer stark kohlenhydratreduzierten Ernährung ist kein moderner Trend. Bis zur Entwicklung von Medikamenten wie Metformin und der Isolierung von Insulin, war die Ernährungstherapie, die einzige Möglichkeit Diabetes Typ 2 zu managen.

Abbildung 1: Diabetic Cookery, 1921 – Liste an verbotenen und empfohlenen Lebensmitteln für Diabetiker.

 

Was sagt die aktuelle Studienlage

Die Studien, die ein kritisches Licht auf Kohlenhydrate werfen und gleichzeitig Fett und vor allem gesättigtes Fett freisprechen, haben in den letzten Jahren stark zugenommen[5]. Selbst renommierte wissenschaftliche Journale sind hier nicht ausgenommen und auch führende Persönlichkeiten, wie der ehemalige Präsident der World Heart Federation, Dr. Yusuf Salim hat erst Anfang des Jahres in seiner Eröffnungsrede zur größten Kardiologenkonferenz deutliche Worte gefunden – „Fett schützt das Herz und die derzeit geltenden Ernährungsempfehlungen haben keine wissenschaftliche Grundlage“.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie schließt sich dem an, so sagt Prof. Nixdorff:“ „Durch prospektive vergleichende Studien haben wir erkannt, dass ungesättigte Fette, also pflanzliche Fette und Öle, prognostisch günstig und sogar gegen Übergewicht gut sind. Die Revolution ist aber, dass auch tierische Fette rehabilitiert wurden. Ebenfalls schadet es kardiovaskulär gar nicht, wenn man mehrere Eier pro Tag isst. Das Hauptproblem für Übergewicht und Adipositas sind Kohlenhydrate, also vor allem Brot und Süßes[6].“

Zielsetzung

Die Reduktion von Kohlenhydraten und das Anheben des Fettanteils in der Ernährung wird immer noch sehr kritisch betrachtet. Ein häufiges Argument ist, dass diese Art der Ernährung schwer durchzuhalten sei und die Patienten unnötig einschränken würde. Ziel dieser Pilot-Studie war es zu zeigen, dass der Beratungsaufwand gering ist, die Ernährungsänderung in wenigen Gruppensitzungen durchgeführt werden kann und es zu positiven Veränderungen wichtiger Marker des Kohlenhydratstoffwechsels und Lipidstoffwechsels kommt. Es wurden folgende Parameter erhoben: Gewicht, Umfänge, Blutzucker, Hba1c, Insulin, Cholesterin, LDL, HDL, Triglyceride, GFR, GOT, GPT, GGT, CRP, Blutsenkung, Harnstoff und Kreatinin erhoben. Eine Gruppe an Teilnehmern war in Innsbruck, betreut durch die Diätologin Daniela Pfeifer und Dr. Roland Fuschlberger. Die zweite Gruppe war in Wien, betreut durch die Biologin Julia Tulipan und Dr. Peter Schödl.

Methode

Wir haben für die Studie Patienten mit Diabetes Typ 1 und Typ 2 sowie Patienten mit Prädiabetes rekrutiert. Insgesamt konnten 24 Teilnehmer rekrutiert werden, wobei 20 Teilnehmer die Studie auch beendeten. Voraussetzung für die Teilnahme war die Diagnose Typ 1 oder Typ 2 Diabetes oder Prädiabetes.

Die ganze Studie dauerte 12-Wochen. In diesen 12 Wochen wurden 5 Gruppen-Treffen abgehalten. Die Gruppen-Treffen bestanden jeweils aus einem Fokusvortrag zu einem speziellen Ernährungsthema und einer Diskussionsrunde. Zusätzlich zu den Gruppentreffen wurde noch eine private Facebook Gruppe eingerichtet, die zum gegenseitigen Austausch und für schnelles Feedback durch die Betreuer genutzt werden konnte. Das erste der fünf Gruppen-Treffen war eine allgemeine Einschulung in LCHF (low-carb high-fat). Den Teilnehmer wurde empfohlen nicht auf Kalorienmengen zu achten, sondern ausschließlich auf das Sättigungsgefühl. Außerdem erhielt jeder Teilnehmer eine Rezepteauswahl, eine Info-Mappe zu LCHF-Ernährungsgrundlagen, sowie eine Auswahl an verschiedenen Produktproben.  Eine Blutabnahme fand einmal vor Beginn der Studie und einmal nach Beendigung der Studie statt. Diese wurde entweder von den betreuenden Ärzten durchgeführt, oder vom Hausarzt.

Ergebnisse

Subjektiv wurde die Ernährung als eher leicht umzusetzen empfunden. Die Teilnehmer berichteten ein verringertes Bedürfnis für Zwischenmahlzeiten, stabilere Energie über den Tag und gesteigertes Sättigungsgefühl.

Was das Körpergewicht betrifft, konnten 86% ihren BMI senken. Auch Blutzuckerwerte und der Hba1c haben sich teilweise dramatisch verbessert. Eine generelle Verbesserung haben wir bei 79% der Teilnehmer gemessen. Im Schnitt hat sich der Hba1c in den 12 Wochen um 1% Punkt verbessert und der Blutzucker ist im Schnitt um 10 mg/dl gesunken. Besonders positiv war der Effekt auf die Triglyceride. Bei 86% der Teilnehmer konnten wir eine durchschnittliche Senkung um 10 mg/dl erreichen. In Gruppe „Innsbruck“ war auch ein Typ 1 Diabetiker, der seit Jahren mit seinem Blutzucker kämpfte. Wie in (Abb. 2.) gut erkennbar konnte dieser Studienteilnehmer den Hba1c von 11% auf 8,2% senken. In der Gruppe „Wien“ blieb der Hba1c von einem Teilnehmer praktisch unverändert, allerdings konnte dieser Studienteilnehmer 2/3 reduzieren (Abb. 3).

Abbildung 2: Veränderung des Hba1c von Woche 1 – Woche 12 – Gruppe Innsbruck

Abbildung 3: Veränderung des Hba1c von Woche 1 – Woche 12 – Gruppe Wien

Die Leberwerte sind entweder unauffällig geblieben oder haben sich positiv verändert. Zwei Teilnehmer hatten eine, schon über viele Jahre bestehende Fettleber. Bei diesen beiden Teilnehmern haben sich die Leberwerte nicht nur verbessert, sondern normalisiert.

Deutlich war auch der Effekt von LCHF (low-carb/high-fat) auf das HDL-Cholesterin. HDL-Cholesterin ist bei 73% der Teilnehmer deutlich angestiegen.

Abbildung 4: Veränderung in Prozent – die deutlichste Reduktion sehen wir bei den Triglyceriden. HDL zeigt eine leichte Zunahme. Alle anderen Marker zeigen tendenziell eine Reduktion.

Diskussion

Eine richtig formulierte Ernährung, die Kohlenhydrate stark reduziert und gleichzeitig denn Fettanteil deutlich erhöht, ist nicht nur relativ einfach umzusetzen, sondern wird auch von den Patienten als sättigen und befriedigend bewertet. Sie wird nicht als Einschränkung wahrgenommen. Wichtig ist die richtige Schulung durch erfahrene Experten. Die wenigsten klassisch ausgebildeten DiätologInnen oder Ärzte haben ausreichend Erfahrung oder das notwendige Hintergrundwissen. LCHF und low-carb wird daher meist falsch umgesetzt und die Ergebnisse sind dann entsprechend enttäuschend.

Was wir in dieser kleinen Pilot-Studie zeigen konnten ist, dass die LCHF (low-carb/high-fat) Ernährung, wenn sie von Experten vermittelt wird, sehr einfach und mit wenig zusätzlichem Schulungsaufwand von Patienten umzusetzen ist. LCHF bietet auf Grund der günstigen hormonellen Effekte und dem hohen Sättigungseffekt ideale Voraussetzungen um den Blutzucker, Hba1c und Gewicht zu senken. Außerdem wirkt sie sich günstig auf kardiovaskuläre Risikofaktoren aus.

Ernährungs Revolution – Das Ende des Kohlenhydrat Zeitalters für Diabetiker


[1] Fothergill, Erin, et al. „Persistent metabolic adaptation 6 years after “The Biggest Loser” competition.“ Obesity (2016)

[2] Feinman, Richard D, et al. „Dietary carbohydrate restriction as the first approach in diabetes management: Critical review and evidence base”. Nutrition. 2014 Jul 16. pii: S0899-9007(14)00332-3.

[3] Accurso, Anthony, et al. „Dietary carbohydrate restriction in type 2 diabetes mellitus and metabolic syndrome: time for a critical appraisal.“ Nutrition & metabolism 5.1 (2008): 9.

[4] Diabetes und Ernährung. Eine Broschüre für Diabetesberaterinnen und -assistentinnen. 1. Auflage, Oktober 2017

[5] Bazzano, Lydia A., et al. „Effects of low-carbohydrate and low-fat diets: a randomized trial.“ Annals of internal medicine 161.5 (2014): 309-318.

[6] Pressetext DGK 10/2017

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Mag. Julia Tulipan
Julia Tulipan ist Biologin (Mag.) und Personal Fitness and Health Trainer (Dipl.) und schreibt für verschiedene Online-Magazine und für ihr eigenes Blog paleolowcarb.de vor allem zu den Themen gesunde und artgerechte Ernährung und Bewegung. Julia hat selbst lange mit ihrer Gesundheit gekämpft. So wurde ihr Interesse an gesunder Ernährung geweckt. Seither hat sie sich mit Low Carb und der Paleo-Ernährung Stück für Stück mehr Lebensqualität zurück erkämpft. Heute verhilft sie auch als Food-Coach und Personal Trainerin anderen zur Topform. Von Julia kannst Du Dich hier individuell beraten lassen.