Mag. Julia Tulipan
Jetzt teilen

Eiweiß ist nicht gleich Eiweiß

Dieser Artikel wurde zuerst auf naehrsinn.at veröffentlicht.

 

Die richtige Bezeichnung für Eiweiß ist eigentlich Protein. Proteine sind lebensnotwendig, denn sie stellen die Bausteine des Lebens dar. Obgleich ihre essenzielle Bedeutung kein Geheimnis ist, ist es umso verwunderlicher, dass Proteine irgendwie einen schlechten Ruf haben.

 

Proteine sind nicht nur für Muskeln wichtig

Proteine sind sehr komplexe Moleküle. Sie bestehen aus langen Ketten von einzelnen Aminosäuren, die wie Perlenketten aussehen. Diese Aminosäurenketten sind dann in einer ganz bestimmten Art und Weise gefaltet. Die Faltung ist entscheidend für die Funktionsfähigkeit des Proteins.

Es gibt insgesamt 20 verschiedene Aminosäuren. Davon sind 8 essenziell, das bedeutet wir müssen diese Aminosäuren mit der Nahrung aufnehmen. Die anderen Aminosäuren können dann, zumindest theoretisch, jeweils aus den acht essenziellen Aminosäuren hergestellt werden. Damit das funktioniert setzt aber voraus, dass auch alle essenziellen Aminosäuren in ausreichender Menge vorhanden sind und dass meine Zellen auch mit allen Mikronährstoffen versorgt sind, die zur Herstellung notwendig sind.

 

Proteine haben unglaublich viele Aufgaben im Körper. Die meisten verbinden Protein oder Eiweiß ausschließlich mit Muskelaufbau, aber diese Reduktion wird den Proteinen bei Weitem nicht gerecht.

Hier nur eine kurze Liste der wichtigsten Funktionen:

  • Aufbau von Muskulatur
  • Aufbau von Knorpel
  • Aufbau von Sehnen und Stützstrukturen
  • Haut und Bindegewebe
  • Aufbau von Knochenmasse
  • Verdauungsenzyme
  • Hormone
  • Zell-Zell Kommunikation
  • Energiegewinnung in der Zelle

 

Wirft man einen Blick auf diese Liste, dann wird eines klar, eine optimale Versorgung mit Protein ist essenziell für Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

 

Was bedeutet Proteinqualität?

Protein ist nicht gleich Protein. Je nachdem woher es kommt, ist es besser oder schlechter verwertbar. Ganz allgemein kann man sagen, dass Protein aus tierischen Quellen immer eine bessere Verfügbarkeit für uns hat, als das für Protein aus pflanzlichen Quellen der Fall ist. Man spricht hier auch gerne von der Bioverfügbarkeit. Die zweite Ebene ist der Verarbeitungsgrad. So ist zum Beispiel die Verfügbarkeit des Proteins aus der gequetschten Sojabohne deutlich geringer, als aus dem isolierten Sojaproteinpulver.

Weizeneiweiß (Gluten) und Soja sind die billigsten Proteinquellen im globalen Vergleich[1].

Die besten Eiweißquellen sind tierischen Ursprungs, da sie immer alle essenziellen Aminosäuren enthalten und sie auch besonders leicht im Dünndarm aufgenommen werden können. Tierisches Protein aus Molke sowie Hühnerei sind die teuersten Proteinquellen, aber auch die besten.

Eine günstige und natürliche Möglichkeit die Proteinaufnahme zu erhöhen ist die selbstgemachte Knochenbrühe.

Zur Messung der Proteinqualität wird der sog. DIAAS (digestible indispensable amino acid scores) heroben. Der DIAAS ist eine neuere und korrektere Methode, um die Proteinqualität zu bestimmen[2]. Nach dieser realistischen Einschätzung der Eiweißqualität ist Weizen, Erbse und Soja mit Abstand hinter tierischen Proteinen anzusiedeln, wie man der folgenden Grafik entnehmen kann[3].

Verfügbarkeit von Protein aus verschiedenen Nahrungsmitteln.

 

Es reicht also nicht einfach nur auf den Proteingehalt eines Lebensmittels oder eines Produkts zu achten, sondern es spielt auch eine wesentliche Rolle woher dieses Protein stammt. Eine ausreichende Proteinversorgung ist lebensnotwendig und der eigentliche Bedarf wird leider oft unterschätzt. Gerade sportlich aktive Menschen, Senioren und Kinder haben einen hohen Proteinbedarf. Aber auch Personen, die unter hohem Stress stehen oder eine schwere Krankheit haben brauchen mehr Protein. Als Daumenregel gilt, mindestens ein Gramm pro Kilogramm Körpergewicht für gesunde, wenig sportlich aktive Menschen.

 

 

[1] Global Market for Plant Protein – 3A Busincess Consulting / FI Magazine March 2018 p.13ff

[2] http://www.fao.org/ag/humannutrition/35978-02317b979a686a57aa4593304ffc17f06.pdf

[3] Hoffman, Jay R., and Michael J. Falvo. „Protein–which is best?.“ Journal of sports science & medicine 3.3 (2004): 118.

 

Bildquellen:

Über den Autor Mag. Julia Tulipan

Julia Tulipan ist Biologin (Mag.) und Master of Science in klinischer Ernährungsmedizin. Sie ist Speakerin, Dozentin und Best Seller Autorin und schreibt für verschiedene Online-Magazine sowie für ihr eigenes Blog paleolowcarb.de vor allem zu den Themen ketogene und artgerechte Ernährung und Bewegung. Julia hat selbst lange mit ihrer Gesundheit gekämpft. So wurde ihr Interesse an gesunder Ernährung geweckt. Seither hat sie sich mit Low Carb und der Keto-Ernährung Stück für Stück mehr Lebensqualität zurück erkämpft.

Kommentar hinterlassen:

Uwe Keßler says 30. September 2019

In fielen Dingen kann ich deine Argumentation nachvollziehen. Nur der Proteinbedarf von 1 g pro kg Körpergewicht ist viel zu hoch. Es gibt genügend Studien, die das belegen können. Ich denke. da ist weniger mit guter Qualität, besser wie mehr mit schlechterer.

Reply
    Mag. Julia Tulipan says 7. Oktober 2019

    Lieber Uwe, das mit dem Proteinbedarf sehe ich auch anders. Es gibt zahlreiche hochrangige Studien die zeigen, dass 1) es nicht einmal 3 g pro kg KG messbare negative Konsequenzen hat 2) Proteinmangelversorgung eine reale Gefahr darstellt 3) besonders ältere Menschen und jene mit chronischen Krankheiten von einer höheren Proteinzufuhr profitieren. PEM – Protein Energy Malnutrition ist selbst in den Industrieländern ein Thema. Semba, Richard D. „The rise and fall of protein malnutrition in global health.“ Annals of Nutrition and Metabolism 69.2 (2016): 79-88.

    Reply
Add Your Reply