Mag. Julia Tulipan
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Fleisch: Genauso schlecht wie Rauchen?! Schlagzeile basiert auf nur 6 Krebsfällen!

Und ewig lockt uns eine neue Studie mit Horrormeldungen in der Presse (Aponet Apotheken WebsiteTelepolisheilpraxisnet). Auch andere Blogger haben sich dem Thema angenommen.

Die Studie Low Protein Intake Is Associated with a Major Reduction in IGF-1, Cancer, and Overall Mortality in the 65 and Younger but Not Older Population hat viele Probleme.

Wir sollten aufgrund dieser Daten unser Essverhalten nicht ändern. Tierisches Eiweiß ist NICHT so gefährlich wie rauchen. 

no smoking nor bacon burger

Die Liste der Probleme mit dieser Studie ist lang:

1)    Die Datenaufteilung ist so gewählt, damit man ein Ergebnis erzwingt

2)     Die reißerische Aussage basiert auf gerade einmal 6 Todesfällen (für Krebs) in 18 Jahren!

3)     Es handelt sich um eine Menschen-Studie und eine Maus-Studie die einfach “kombiniert” werden

4)     Die Studie an Menschen ist nur eine Beobachtungsstudie

5)     Die verwendeten NHANES III Daten zur Kalorienaufnahme sind äußert fragwürdig

6)    Die Forscher haben Interessenskonflikte, die sie nicht einmal korrekt angegeben haben.

 

Willkürliche Datenaufteilung

Viele Personen wurden über Jahre hinweg begleitet. In der Medizin spricht man von person-years was auf deutsch Mann-Jahre genannt wird. Gesamt gab es über 83.000 Mann-Jahre Beobachtungsgaben.

In Prozent war dies folgendermaßen aufgeteilt:

50-65 Jahre

66+ Jahre

Niedrig Eiweiß

Mittel Eiweiß

Hoch Eiweiß

Niedrig Eiweiß

Mittel Eiweiß

Hoch Eiweiß

3%

36%

3%

3%

40%

9%

 

Zusätzlich müssen wir wissen, dass die Einteilung in niedrig/mittel/hoch von den Wissenschaftlern frei gewählt wurde. Ich könnte darauf wetten, dass eine leicht andere Einteilung ganz andere Ergebnisse geliefert hätte. In der wissenschaft wird gerne das 25%-Quantile oder Percentile (10% Abschnitte) gewählt. Anstelle von 3% in der „Wenig Eiweiß“ Gruppe hätten wir dann 25% oder 10%. Damit hätten wir mehr als die 219 Personen und könnten (statistisch) bessere Aussagen treffen. In grafischer Form sieht dies ungefähr so aus:

 

beispiel-verteilung

 

In Grün sehen wir die 3%, die von den Forschern gewählt wurden, in Rot die 25% die ich Vorschlagen würde.

Auch der Fokus auf ältere Personen scheint willkürlich gewählt. Dadurch konnten zumindest 6 Krebs Todesfälle in der Niedrig-Eiweiß Gruppe der 50-65 jährigen gefunden werden und so konnte ein Ergebnis erzwungen werden. Eine fairerer bzw. korrektere Betrachtung sowie Korrektur der vermutlich falschen Kalorienangaben hätte mit Sicherheit kein Ergebnis geliefert.

Interessant ist auch, wenn wir die Mann-Jahre betrachten. In der Gruppe mit den älteren Personen gab es in der „Hoch Eiweiß“ Gruppe 9% der Mann-Jahre. Es gab hier also mehr Daten und der Zufallsfehler wurde kleiner. Ich vermute, dass die Forscher deshalb hier keinen negativen Zusammenhang zwischen Eiweiß-Konsum und Todesfällen finden konnten. Hätten sie auch in den anderen Gruppen mehr Personen/Mann-Jahre genommen, hätte sich das Ergebnis vermutlich verschoben.

Nur 6 Todesfälle

Zoe Harcombe hat die Daten durchgerechnet. Die Studie trifft folgende Aussage: Tierisches Eiweiß zu konsumieren, führt zu einem 4x höheren Krebsrisiko (2,89% bei wenig Eiweiß, 9,89% bei viel Eiweiß).

Das klingt zuerst nach viel, doch was sagen die absoluten Zahlen, also die betroffenen Personen? Von gesamt 3039 beobachteten Personen, starben 240 an Krebs. Davon fallen gerade einmal 6 Todesfälle in die Referenzgruppe (wenig Eiweiß). Wenig Todesfälle klingt zuerst einmal gut, doch das täuscht. Je kleiner die Personengruppe ist, desto höher die Auswirkung von Zufall. Nehmen wir jetzt einmal an, das ein Todesfall mehr in der „Wenig Eiweiß“ Gruppe aufgetreten ist und ein Todesfall weniger in der „Viel Eiweiß“ Gruppe. Nun schaut das ganze so aus:

 

Wenig Eiweiß GruppeViel Eiweiß Gruppe
Personen219543
Krebstote654
in Prozent2,58%9,89%
Wieviel mehr Tote4x
Ein Toter mehr/weniger753
in Prozent3,19%9,7%
Wieviel mehr Tote3x

Rundungsfehler entstanden durch die unvollständigen Angaben der WIssenschaftler

Anstelle von 4x mehr Todesfällen haben wir plötzlich 3x mehr Todesfälle. Zugegeben immer noch eine alarmierende Zahl, aber durch einen verschobenen Todesfall ändert sich die Aussage dramatisch. Die Referenzgruppe (wenig Eiweiß), hatte in 18 Jahren gerade einmal 6 Todesfälle. Wenn der Zufall in 18 Jahren zuschlägt, würde sich die Aussage massive ändern. Die Aussage basierend auf nur 6 Todesfällen von über 3000 Personen in 18 Jahren ist einfach zu sehr vom Zufall abhängig.

Noch ein Todesfall mehr (8 Todesfälle) und wir könnten nur mehr von 2,6 fachem Risko sprechen. Die Auswahl von gerade einmal 219 Personen für die „Wenig Eiweiß“ Gruppe ist einfach zu klein.

Zwei Studien

Die Wissenschaftler haben ihre Krebs Tumor Tests an Mäusen durchgeführt. Jedes Mal wenn es in der Studie um Tumor Wachstum geht, ist von Mäusen und nicht von Menschen die Rede. Im Übrigen sind dies keine natürlich aufgetretenen Tumore, sondern Sie wurden den Mäusen eingepflanzt. Daraus lassen sich kaum Rückschlüsse auf Menschen ziehen.

Epidemiologische Studie

Es handelt sich bei der Menschen-Studie um eine Beobachtungsstudie. Wie wir bereits im Blog geschrieben haben, können wir aus so einer Studie Ursache und Wirkung nicht ableiten. Sollten die erfassten Daten korrekt sein, dann können wir nur sagen, dass die beiden Faktoren (Krebs und hohe Proteineinnahme) gemeinsam auftreten. Das heißt weder das Krebs zu hoher Eiweißaufnahme führt, noch das hoher Eiweiß Konsum zu Krebs führt.

Stellen wir uns eine Studie vor, die einen Zusammenhang zwischen Eis-Konsum und Hai-Angriffen findet. Wir können uns denken, dass bei warmen Wetter mehr Eis verkauft wird und mehr Leute ans Meer fahren. Aber der Gedanke das Eis-Konsum die Hai-Attacken auslöst scheint absurd. Es macht auch keinen Unterschied, wenn 20 weitere Studien in anderen Ländern zum gleichen Ergebnis kommen. Eis-Konsum ist nicht Schuld an Hai-Attacken, auch wenn ein Zusammenhang besteht. Der Faktor warmes Wetter und damit verbunden mehr Menschen im Wasser sind die Ursache.

Es können eine Reihe andere Faktoren im Leben der Testpersonen (Wo esse ich, wieviel bewege ich mich, wo lebe ich, Genetik) nicht gemessen worden sein, aber ebenfalls ein Faktor für den Krebstodesfall sein.

Datenerfassung

Die Daten dieser Studie kommen aus der NHANES III, eine Befragung durch die US Regierung von Personen zu deren Gesundheit die seit den 70er Jahren durchgeführt wird. Die Erfassung der Ernährungsgewohnheiten geschah in einem Erinnerungsprotokoll. In den 80er Jahren wurden die Personen befragt, was sie in den vorangegangenen 24 Stunden gegessen haben. Das wurde EINMAL protokolliert.18 Jahre wurde nicht weiter nachgefragt und nach dieser Zeit soll das Essen eines 24-Stunden Zeitraumes vor 18 Jahren helfen Rückschlüsse zu ziehen?

Das Erinnerungsprotokoll

Die Daten wurden in den 80er Jahren mit Hilfe eines Computerprogrammes erfasst.

Hier ein paar Beispiel-Bildschirme der Eingabe.

 

dietary-recall-nhanes-screenshots

 

Wer denkt, dass bei so einem Formular (ganz zu schweigen von der Erinnerungsfähig der Personen) Fehler passieren, hat recht.

Erhebliche Untererfassung

Eine Studie aus 2013 bestätigt diese Vermutung. In Validity of U.S. Nutritional Surveillance: National Health and Nutrition Examination Survey Caloric Energy Intake Data, 1971–2010 aus Oktober 2013 schreiben die Forscher:

„Die historische Abweichung für Männer und Frauen waren -281 und -365 Kilokalorien pro Tag. Diese Ergebnisse deuten auf erhebliche Untererfassung hin. Die größten Unterschiede mittleren Werte waren -716 kcal / Tag und -856 kcal / Tag für Übergewichtige Männer und Frauen.“

Wir wissen also

  • (a) das diese Daten ungenau sind und
  • (b) das nur ein Datenpunkt in 18 Jahren Aufschluss über das Essverhalten über eine Lange Zeit geben soll.

Nicht nur wurden zwischen 800 und 300 kcal zuwenig Angegeben, es ist auch nur ein kleiner Einblick in die Essgewohnheiten, die sich mit der Zeit auch ändern können.

Wenn die Krebskranken z.B: aufgehört haben Eiweiß zu essen und danach gestorben sind, was ist dan Schuld am Tod. Kann es die Essensumstellung im Krankheitsfall gewesen sein? Ich weiß, dass das nicht unbedingt passiert ist, aber mit dem vorhandenen Datenmaterial ist es genauso möglich wie die von den Wissenschaftlern hervorgehobene Alternative das alle Personen 18 Jahre das selbe essen wie an einem Tag in den 80er Jahren.

Interessenskonflikt

4 Autoren der Studie haben Beziehungen zu einem Nahrungsmittelunternehmen das sich mit Langlebigkeit und Krebsvorsorge befasst, aber nur einer der Autoren hat dies angegeben (siehe http://www.zoeharcombe.com/2014/03/animal-protein-as-bad-as-smoking-headlines-based-on-6-deaths/)

 

Fazit

Diese Studie wird sicher in Kürze von Veganern und Vegetariern zitiert werden. Eine wissenschaftlich fundierte Aussage hat sie aber leider nicht. Wie auch schon beim Zusammenhang mit Herzinfarkt sind vermutlich auch bei Krebs noch andere Faktoren mit im Spiel.

 


Referenzen:

Cell Metabolism: Low Protein Intake Is Associated with a Major Reduction in IGF-1, Cancer, and Overall Mortality in the 65 and Younger but Not Older Population

Hat Tip:

Do High Protein Diets Cause Early Death?

My take on the recent ‘high protein diet as bad a smoking’ study

Is It Dangerous to Eat Meat Before Age 65?

Animal protein as bad as smoking? Headlines based on 6 deaths!

Why I’m Not Dismissing the Latest “Animal Protein is Bad” Study (But Not Losing Sleep Over It, Either)

Meat: As Bad A Cigarettes?!

 

 

 

 

Über den Autor Mag. Julia Tulipan

Julia Tulipan ist Biologin (Mag.) und Personal Fitness and Health Trainer (Dipl.) und schreibt für verschiedene Online-Magazine und für ihr eigenes Blog paleolowcarb.de vor allem zu den Themen gesunde und artgerechte Ernährung und Bewegung. Julia hat selbst lange mit ihrer Gesundheit gekämpft. So wurde ihr Interesse an gesunder Ernährung geweckt. Seither hat sie sich mit Low Carb und der Paleo-Ernährung Stück für Stück mehr Lebensqualität zurück erkämpft.