Der Anfang – wie die seelischen Veränderungen ihren Lauf nahmen

Als dicker Mensch muss man im Laufe seines Lebens dank gesellschaftlich geprägter Stigmata und Schönheitsideale so einiges an Beleidigungen, Demütigungen und Ausgrenzung über sich ergehen lassen. Beginnt dies schon in der Kindheit, wirkt sich die darunter leidende Seele zwangsläufig auch unvorteilhaft auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit aus und es verwundert demnach nicht, wenn sich tief im Unterbewusstsein ein Gefühl der Minderwertigkeit ausbildet. Dies gilt vor allem, wenn man in einem System aufwächst, in dem es hauptsächlich darauf ankommt, im allgemeinen Strom möglichst unauffällig mitzuschwimmen, als viel mehr Wert auf die Entwicklung einer selbstbewussten Persönlichkeit zu legen. Um sich vor verletzenden Angriffen irgendwie zu schützen, wird der Aufbau eines Schutzpanzers unterschwellig zur Überlebensstrategie – sowohl psychisch als auch physisch. Die Toleranzgrenze und somit auch der Beginn der eigenen Verhaltensänderung mag bei jedem anders sein. Spätestens mit Eintritt in die Pubertät war mein persönlicher „Beschützer“, wie ich heute weiß, schon sehr stark ausgeprägt. Ich war nach außen hin meistens die stets gut gelaunte, fröhliche, temperamentvolle Schülerin und für jeden Schabernack zu haben. Schon meine Grundschullehrerin sagte einmal, ich hätte es „faustdick hinter den Ohren“. Sicher habe ich damit schon damals unbewusst versucht, meine durch das Übergewicht bedingten Defizite im Aussehen und beim Sport zu kaschieren und trotzdem Anerkennung und Beliebtheit zu erlangen, was mir wohl auch ganz gut gelungen ist. Die ersten wirklich schmerzlichen Erfahrungen machte ich dann in der Zeit der ersten Discobesuche. Der flotte Feger war ich mangels fetziger Klamotten und der unpassenden Figur noch nie – wohl eher das Modell „Mauerblümchen“. Aber die so genannte „langsame Runde“ war für mich jedes Mal der Horror. Das andere Geschlecht hat mich quasi wie Luft behandelt, was sich auch im weiteren Verlauf meines dicken Lebens kaum änderte. Ich blieb meistens als Einzige meiner ansonsten schlanken Clique, um Fassung ringend, in der Ecke sitzen. Schon damals kamen mir erstmals die Gedanken, dass ganz sicher kein Junge mit mir tanzen will, weil ich dick bin und wie es wohl sei, wenn ich schlank wäre. Abnehmen könnte möglicherweise diese Probleme lösen!

Der Schutzpanzer wächst. – Oder: Die Umgebung formt den Menschen!

Was mich nicht umbringt macht mich stärker! Getreu diesem Motto entwickelte ich mit zunehmender Anzahl der auf mein Übergewicht bezogenen Verletzungen eine gewisse Lebenseinstellung, die lautete „Pfeif drauf, wer mich nicht will wie ich bin, soll mich auch nicht haben wie ich einmal sein werde!“ Mein Optimismus, in absehbarer Zukunft auch schlank zu sein, wie damals noch die Mehrheit der Bevölkerung, war bis dahin ungebrochen. Die ersten praktischen Erfahrungen und natürlich beste Kenntnisse über die Theorie des Abnehmens, also das Zahlenspiel von Kalorien-Input vs. Kalorien-Output, hatte ich ja schon längst. Mit einer gewissen Unnahbarkeit, manche meinten sogar es wirke teilweise abweisend und überheblich, ging ich durchs Leben und merkte gar nicht, wie sich mit jedem durch JoJo-Effekte hinzu gewonnenen Kilo mein Wesen veränderte. Mein „Beschützer“ entwickelte mit großer Virtuosität immer neue Strategien, um mich, also mein innerstes ICH, vor weiteren Schäden zu bewahren. Meine einst relativ unbeschwerte Fröhlichkeit war inzwischen allenfalls noch aufgesetzt und mein Humor nahm immer häufiger sarkastische Züge an – gute Miene zum bösen Spiel! Das anfänglich einzige Problem bei der Partnersuche war mittlerweile das kleinste aller Übel. Die auf meine Fettleibigkeit bezogenen diskriminierenden Erlebnisse erstreckten sich inzwischen auch auf andere Lebensbereiche, wie z. B. Beruf oder Teilnahme am öffentlichen Leben. Mit fast schon unterwürfiger Dankbarkeit, dass mich trotz meines unästhetischen Anblicks ein Arbeitgeber überhaupt angestellt hat, gab ich im Job beständig mehr als nur 100 %, da ich mit dem vermeintlichen „Schönheitsbonus“ nicht hervorstechen konnte, mit dem andere schlanke Kolleginnen bei augenscheinlich geringerer Leistung und Qualifikation mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit glänzende Karrieren hinlegten. Durch die immer wiederkehrenden Niederlagen beim Gewichtsmanagement nach jeder erfolgreichen Abnahme wurde es auch nicht besser. Meine Minderwertigkeitskomplexe nahmen parallel zum Gewicht ständig zu und mein Selbstwertgefühl sank in Richtung Nullpunkt. Da es mich immer noch nicht umbrachte, machte es mich nur noch härter – zu mir selbst und sicher auch zu meiner Umgebung. Offensichtlich wirkte ich nach außen hin trotzdem sehr selbstbewusst, was mir öfters von anderen bescheinigt wurde. Das hatte ich wohl meiner knallharten Selbstironie zu verdanken. Der Mix aus Demütigungen, die Frustration darüber, es mit dem Abnehmen einfach nicht dauerhaft zu schaffen und auch die zunehmende Entwicklung von Misstrauen und Angst führten letztlich dazu, dass essen für mich nicht mehr nur Nahrungsaufnahme war, sondern vielfältige Funktionen übernahm: Essen – insbesondere Schokolade – erzeugte die ansonsten weitestgehend vermissten Glücksgefühle. Es wurde zu meinem Seelentröster, diente dem Stressabbau und der Trauer- und Frustbewältigung.

Spätestens hier begann meine Zuckersucht.

Aber nicht nur das, mit wachsender Fettschicht, die ihren Höhepunkt mit einem Gewicht von 133 kg erreichte, war mein Beschützer inzwischen zur alles beherrschenden Großmacht herangereift. Ich war nahezu immun gegen äußere Einflüsse jeglicher Art geworden. Ich ertrug einfach alle Angriffe ruhig, gelassen und ohne jegliche Gegenwehr mit einem freundlichen Lächeln, was potentielle Angreifer wahrscheinlich erst richtig animierte. Mein Beschützer leistete wirklich ganze Arbeit! Auch die ständigen Gesundheitsappelle, doch nun endlich mal abzunehmen, wenn ich nicht noch Diabetes oder einen Herzinfarkt bekommen wöllte, prallten mehr oder weniger wirkungslos an mir ab. Innerlich stand ich unter enormen Druck, war ich doch bestens informiert über die Risiken und Nebenwirkungen der Adipositas und wusste selbst, dass es fünf vor zwölf war. Es war eine Art hilflose Verzweiflung. Ich war regelrecht beseelt von dem Gedanken, abzunehmen und endlich schlank zu sein und diesmal für immer. Aber ich war mir auch darüber im Klaren, dass es wahrscheinlich „wie immer“ laufen würde und ich zumindest in diesem Leben niemals so richtig dauerhaft schlank werden würde. Eine gewisse Resignation machte sich in mir breit und ich tröstete mich mit Schokolade und der Ausrede, dass wohl Gene an meinem Schicksal Schuld seien und ich nun mal gern und viel esse. Außerdem entwickelte ich auch eine leicht verzerrte Selbstwahrnehmung. Wenn ich bewusst in den Spiegel schaute, fand ich mich gar nicht so extrem fett. Es war ja „zum Glück“ alles gleichmäßig bei mir verteilt und insofern in gewisser Weise doch „gut proportioniert“. Meine Selbstironie tat ihr übriges, um die bittere Wahrheit so gut es ging schön zu reden. Erschrocken über mich selbst bin ich nur manchmal, wenn ich zufällig beim Vorbeilaufen an einer Schaufensterscheibe mein Spiegelbild oder mich auf Fotos sah. Dann musste ich mir für einen kurzen Moment eingestehen, dass gar nichts mehr gut ist. Trotz allem war meine Welt zu diesem Zeitpunkt noch soweit in Ordnung.

 

Der Verlust des Arbeitsplatzes  – wie Abnehmen zum vermeintlichen Allheilmittel avancierte

Ausgerechnet als mein „Schutzpanzer“ auf dem Höchststand war, verlor ich erstmals meinen Arbeitsplatz. Die Voraussetzungen für die bevorstehende Jobsuche waren denkbar ungünstig: Ich hatte so gut wie keine tragbaren Bewerbungsoutfits im Kleiderschrank, ganz zu schweigen von Anzügen oder Kostümen nebst passendem Schuhwerk. Ebenso wenig ahnte ich, welches Ausmaß an Grausamkeiten, Demütigungen und Ausgrenzung mich wegen meines Übergewichts auf dem Arbeitsmarkt erwarten würde und dass ich mit diesen Erlebnissen einmal ganze Buchbände füllen könnte. Recht schnell musste ich erfahren, dass im Bewerbungsgeschäft gutes Aussehen ein ziemlich dominantes Kriterium ist, womit ich zu diesem Zeitpunkt absolut nicht dienen konnte. Zu Gesprächen wurde ich recht häufig eingeladen, kassierte danach aber reihenweise herbe Niederlagen. Déjà-vu – Da war es plötzlich wieder mein Problem: Ich bin einfach zu fett und wenn ich abnehmen würde, dann wäre bestimmt alles viel einfacher! So richtig allgegenwärtig und alles beherrschend wurde dieser eine Gedanke aber erst, als die Reaktionen meiner Gesprächspartner auf mein Äußeres nicht mehr nur abwertende bis vernichtende Blicke waren, sondern es dann auch manchmal zu verbalen Demütigungen kam. Meine eigentlich gut funktionierende „Nano-Beschichtung“, an der bisher alles abgeperlt war, bekam langsam Risse. Ich verlor erstmals die Fassung, was mir auch heute noch sehr peinlich ist, als ich einmal folgendes zu hören bekam: „Wenn Sie den Job haben wollen, dann müssen Sie abnehmen; wir unterstützen Sie auch dabei.“ Dieser Satz, der nur die Spitze des Eisberges darstellte, traf mich bis ins Mark und ich war fertig mit mir und der Welt. Spätestens ab da hatte Abnehmen den Olymp des Allheilmittels erklommen. Ich war regelrecht vernarrt in den Gedanken, dass sich meine gesundheitlichen und inzwischen auch sozialen Probleme in Luft auflösen würden, wenn ich doch endlich schlank wäre. Manifestiert wurde das durch weitere quälende Erfahrungen als Dicke auf dem Arbeitsmarkt.

 

Endlich schlank – und was nun?

Als ich Dank eines glücklichen Zufalls zu LCHF gekommen bin und sich meine Gewichtskurve endlich auf rasante Talfahrt begab, glaubte ich erstmals seit langer Zeit wieder daran, es doch noch schaffen zu können mit dem dauerhaften Abnehmen und natürlich auch der Auflösung aller Probleme. Ich sehnte mich dem Tag entgegen, an dem ich auf der Straße wegen meines Übergewichts nicht mehr wie ein bunter Hund auffallen würde und mir endlich die Welt zu Füßen liegt. Doch parallel zu meinen purzelnden Pfunden begann sich für mich paradoxerweise die Situation im Job zunehmend zu verschlechtern. Auf den Gedanken fixiert, dass schlank alles einfacher werden würde, erreichte ich mit dem Knacken der U-70-Marke mein Ziel und ich musste anfangen, mein neues Körpergefühl zu realisieren und mich daran zu gewöhnen. In mir herrschte ein leichtes Chaos. Ich fühlte mich irgendwie dünnhäutiger, angreifbarer als je zuvor, was mir auch ein wenig Angst machte und mich meinen Mitmenschen gegenüber manchmal gereizt und aggressiv erscheinen ließ. Zum einen war ich überwältigt von dem noch nie da gewesenen Erfolg, aber beim Blick in den Spiegel fand ich, doch irgendwie immer noch die Alte zu sein. Von vielen Leuten wurde ich mit Lob und Komplimenten überschüttet, womit ich nicht wirklich umgehen konnte, weil ich das von früher nicht kannte. Es gab aber auch Leute, die meine Verwandlung mit keiner Silbe kommentierten und so taten, als sei nichts passiert, was mir insgeheim fast angenehmer, ja vertrauter war aber mich äußerlich auch irgendwie verletzte. Da kamen mir erste Zweifel, dass Schlanksein vielleicht doch nicht alles ist. Dank der reichlich vorhandenen Ketone und verbesserten Gehirnleistung, hatte sich auch meine ganze Persönlichkeit sehr verändert. Meine Wortwahl und Ausdrucksweise änderten sich, was wohl auch nicht jedem gefiel. Ich bin insgesamt nachdenklicher, tiefgründiger, kantiger, impulsiver und natürlich selbstbewusster geworden. Unterwürfig und dankbar war ich im Job plötzlich auch nicht mehr.

Für meine Gesundheit war Abnehmen wirklich das Allheilmittel. Es hat sich entgegen aller Unkenrufe alles zum Guten gewendet und ich hoffe, dass das noch lange so bleibt. Ich gebe mein Bestes. Dass sich durch Abnehmen oder Schlanksein auch alle sozialen Probleme in Luft auflösen, ist allerdings ein Irrglaube. Nur bedingt und zu einem geringen Teil mag das vielleicht stimmen. Es sind sogar neue Probleme hinzugekommen, mit denen ich vorher niemals gerechnet hätte. Im alltäglichen Leben ist vieles deutlich einfacher und besser geworden, z. B. enge Sitze in öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Kleidungskauf von Verkäufern überhaupt erst mal als potentielle Kundin wahrgenommen zu werden. Meine überdimensionalen Erwartungen an den Arbeitsmarkt/die Jobsuche als schlanker Mensch wurden leider so gar nicht erfüllt. Sicher habe ich keine schlimmen Erlebnisse mehr bezüglich meiner Figur. Aber zu glauben, dass Schlanksein einen wesentlichen Vorteil darstellt und man sich den besten Job nur auszusuchen braucht und mit spielerischer Leichtigkeit Karriere machen kann, war definitiv falsch. Es ist, gemessen an den Ergebnissen, genauso schwer wie es schon immer war. Daran hat sich nichts geändert! Auch wenn die umhüllende Schutzschicht verschwunden ist, ist mein Beschützer auch heute noch sehr aktiv, nämlich um das Erreichte mit allen Mitteln gegen äußere Angriffe zu verteidigen. Das äußert sich vor allem darin, dass jedes Kilo, welches ich aufgrund ganz normaler Gewichtsschwankungen vielleicht temporär mal mehr auf dem „Tacho“ habe, bei mir sofort eine gewisse Sorge oder Angst davor auslöst, bald wieder dick zu sein, auch wenn ich mir relativ sicher bin, die für mich passende Lebensweise gefunden zu haben, um dies zu verhindern.

Tja, den Burschen werde ich wohl so schnell nicht los! Vielleicht gelingt es mir ja, ihn mehr und mehr im Zaum zu halten, bis er irgendwann nicht mehr viel zu melden hat.

Mentale Klarheit und emotionale Stabilität durch zuckerfreie Ernährung – Interview mit Kathrin Koehler vom LCHF Institut

http://www.evolutionradioshow.de/104

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Kathrin Koloc

Kathrin Koloc

Kathrin Koloc, Dresdnerin, von Beruf Managementassistentin und Fremdsprachentalent, ist 2014 über einen äußerst glücklichen Zufall zu LCHF und der ketogenen Ernährung gekommen und hat spontan ihren Lebensstil darauf umgestellt und angefangen, von da ab auch ihre Gesundheit selbst zu managen. Damit konnte sie sich innerhalb eines reichlichen Jahres von ihrer schweren Fettleibigkeit befreien und ein neues schlankes Leben beginnen. Sie hat seit dem ihren heutigen Lebensstil zur Passion gemacht und sich tiefgründig in die Materie mit all ihren Facetten eingelesen und weitergebildet. Wissbegierig, stets auf neue Erkenntnisse bedacht und anhand ihrer eigenen Erfahrungen und Selbstversuche geht sie beharrlich ihren Weg und versucht zielstrebig auch noch die letzten Hürden und Altlasten zu bewältigen, hin zu bestmöglicher Gesundheit und Vitalität. Ihr Wissen und das Erlebte möchte sie gern weitergeben, um damit anderen Betroffenen zu helfen und sie zum Erfolg zu führen.