Mag. Julia Tulipan MSc.
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Ketogene Ernährung und psychische Gesundheit

Sowohl aus eigener Erfahrung als auch aus Klientengeschichten zeigt sich immer wieder, dass die Umstellung auf eine ketogene Ernährung stabilisierend auf Stimmung, Schlaf und Stressresistenz wirkt. Diese Beobachtungen werden auch durch immer mehr Studien bestärkt. Die ketogene Ernährung zeigt vielversprechende Ergebnisse bei diversen psychischen Erkrankungen wie Depression, Schizophrenie, Autismus und Demenz.

 

Dieser Artikel soll einen überblick über die möglichen Wirkmechanismen und die derzeit vorhanden Studien zu dem Thema geben.

Wie Du als Leser meines Blogs sicherlich weißt, wird die ketogene Diät seit den 1920er Jahren als Therapie bei Epilepsie eingesetzte. Epilepsie ist zwar keine psychische Erkrankung, aber wir bekommen hier den ersten Hinweis, dass Ketone direkt auf das Gehirn und seine Funktionsweise einwirken.

Wie beeinflussen Ketone das Gehirn und die Stimmung?

Ketone scheinen das Gehirn über mehrere Ebenen zu beeinflussen. Die wahrscheinlich bedeutsamsten Wirkmechanismen sind:

  • Hemmung von Entzündungsprozessen und oxidativem Stress
  • Vermeidung von Energiekrisen durch Bereitstellung einfacher Energie
  • Regulierung der Neurotransmitter GABA und Glutaminsäure
  • Direkter Effekt auf die Genregulation und Genexpression

1.      Hemmung von Entzündungsprozessen und oxidativem Stress

Bei der Oxidation von Ketonkörpern selbst entstehen weniger freie Radikale als bei der Oxidation von Glukose. Beta-Hydroxbutyrat unterdrückt oxidativen Stress durch seine Wirkung als endogener Histondeacetylase Inhibitor[1].  Ketone aktivieren die endogene Regeneration von Glutathion[2], einem körpereigenen Antioxidans, und wirken selbst als potenter Radikalfänger[3]. Beta-Hydroxybutyrat hemmt das NLRP3 Inflammasom [4]. Eine übermäßige Aktivierung des NLRP3 Inflammasom spielt eine Rolle in chronisch entzündlichen Erkrankungen[5].

Die Rolle von Entzündung und massivem oxidativem Stress bei Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen wir diskutiert[6].

2.      Vermeidung von Energiekrisen durch Bereitstellung einfacher Energie

Entgegen langläufiger Meinung ist das Gehirn nicht zu 100% auf Zucker (Glukose) als Energielieferant angewiesen. Während dem Fasten oder wenn Kohlenhydrate stark eingeschränkt werden, dann stellt das Gehirn auf Hybrid-Funktion um und kann bis zu 70% seines Energiebedarfs über Ketone decken[7]. Ebenfalls für viele Überraschend, das Gehirn bevorzugt sogar Ketone und nutzt diese selbst wenn Zucker vorhanden ist.

Außerdem regen Ketone die Bildung neuer Mitochondrien an. Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zelle und ohne sie kann die Zelle nicht ausreichend Energie herstellen.

3.      Regulierung der Neurotransmitter GABA und Glutaminsäure

Das richtige Gleichgewicht zwischen GABA und Glutaminsäure ist wichtig für eine stabile Psyche. Es ist daher nicht verwunderlich, dass gerade dieses Gleichgewicht bei psychischen Erkrankungen, aber auch bei Menschen mit Epilepsie oft gestört ist. GABA ist das Bremspedal des Gehirns und Glutaminsäure das Gaspedal. Oft ist das Gehirn übererregt, weil zu wenig GABA und zu viel Glutaminsäure vorhanden ist. Es konnte in Studien gezeigt werden, dass eine ketogene Ernährung zu einer Zunahme von GABA und einer Abnahme von Glutaminsäure führt[8].

4.      Direkter Effekt auf die Genregulation und Genexpression

Wie schon unter Punkt 1 erwähnt, wirken Ketone als endogene Histondeacetylase Inhibitoren.  Neue Erkenntnisse aus der Epigenetik zeigen, dass die Histondeacetylase direkt in die Regulation von Genexpression involviert ist. In Tierstudien zeigt das Hemmen dieser Histondeacetylase antidepressive Wirkung[9]. Auch andere Tierstudien zeigen, dass eine ketogene Diät antidepressive Wirkung auf die Versuchstiere hat[10].

Anwendung von HDACs

  • Psychiatrie und Neurologie als Stimmungsaufheller und Anti-Epileptikum
  • Neurodegenerative Erkrankungen (z.B. Alzheimer, Huntington)
  • Verbessert kognitive Leistung (Merkfähigkeit)
  • Depression
  • ↑ BDNF und Glial cell line-derived neurotrophic factor (GDNF)
  • Tumorerkrankungen (↓Zellproliferation und ↑Tumorsupressor p53)

 

Aktuelle Studien zu dem Thema

The ketogenic diet may have mood-stabilising properties – El-Mallakh RS, Paskitti ME. Department of Psychiatry and Behavioral Sciences, University of Louisville School of Medicine, Kentucky 40292, USA. DOI: 10.1054/mehy.2001.1446. Published: December 2001. Retrieved January 26, 2017

The ketogenic diet for type II bipolar disorder – Phelps JR, Siemers SV, El-Mallakh RS. PsychEducation.org and Samaritan Mental Health , Corvallis , OR , USA. doi: 10.1080/13554794.2012.690421. Published: 2013. Retrieved January 26, 2017

Schizophrenia, gluten, and low-carbohydrate, ketogenic diets: a case report and review of the literature – Bryan D Kraft and Eric C Westman. Nutrition & Metabolism. DOI: 10.1186/1743-7075-6-10. Published: February 26, 2009. Retrieved January 26, 2017

A pilot study of the ketogenic diet in schizophrenia – ABEL PACHECO, W. S. EASTERLING, and MARGARET W. PRYER. American Journal of Psychiatry , Volume 121 (11): 1110 – May 01, 1965. Retrieved: January 26, 2017

The ketogenic diet and remission of psychotic symptoms in schizophrenia: Two case studies Palmer, Christopher M., Javier Gilbert-Jaramillo, and Eric C. Westman. „The ketogenic diet and remission of psychotic symptoms in schizophrenia: Two case studies.“ Schizophrenia research 208 (2019): 439.

Ketogenic diet for schizophrenia: clinical implication – Sarnyai, Zoltán, Ann-Katrin Kraeuter, and Christopher M. Palmer. „Ketogenic diet for schizophrenia: clinical implication.“ Current opinion in psychiatry (2019).

 


Referenzen

[1] Shimazu, Tadahiro, et al. „Suppression of oxidative stress by β-hydroxybutyrate, an endogenous histone deacetylase inhibitor.“ Science 339.6116 (2013): 211-214.https://science.sciencemag.org/content/339/6116/211

[2] The ketogenic diet increases glutathione levels – Stuart G. Jarrett, Julie B. Milder, Li-Ping Liang, Manisha Patel. Department of Pharmaceutical Sciences, University of Colorado Denver, Denver, Colorado, USA. DOI: 10.1111/j.1471-4159.2008.05460.x. Published: May 04, 2008. Retrieved January 26, 2017

[3] Ketones inhibit mitochondrial production of reactive oxygen species – M. Maalouf, P.G. Sullivan, L. Davis, D.Y. Kim, J.M. Rho. Neurology Research, NRC 4th Floor, Barrow Neurological Institute and St. Joseph’s Hospital and Medical Center, 350 West Thomas Road, Phoenix, AZ 85013, USA. Spinal Cord and Brain Injury Research Center, Department of Anatomy and Neurobiology, University of Kentucky, 240 Health Sciences Research Building, Lexington, KY 40536, USA. Published: January 18, 2007. Retrieved January 26, 2017

[4] Youm, Yun-Hee, et al. „The ketone metabolite β-hydroxybutyrate blocks NLRP3 inflammasome–mediated inflammatory disease.“ Nature medicine21.3 (2015): 263.

https://www.nature.com/articles/nm.3804

[5] Menu, P., and J. E. Vince. „The NLRP3 inflammasome in health and disease: the good, the bad and the ugly.“ Clinical & Experimental Immunology 166.1 (2011): 1-15.

[6] Raison, Charles L., Lucile Capuron, and Andrew H. Miller. „Cytokines sing the blues: inflammation and the pathogenesis of depression.“ Trends in immunology 27.1 (2006): 24-31.

[7] Owen, O. E., et al. „Brain metabolism during fasting.“ The Journal of clinical investigation 46.10 (1967): 1589-1595. https://www.jci.org/articles/view/105650

[8] Regulation of GABA level and effects of ketone bodies – Erecińska M, Nelson D, Daikhin Y, Yudkoff M. Department of Pharmacology, University of Pennsylvania, School of Medicine, Philadelphia, USA. Published: December, 1996. Retrieved January 26, 2017

[9] Fuchikami, Manabu, et al. „The potential use of histone deacetylase inhibitors in the treatment of depression.“ Progress in Neuro-Psychopharmacology and Biological Psychiatry 64 (2016): 320-324.

[10] Murphy, Patricia, et al. „The antidepressant properties of the ketogenic diet.“ Biological psychiatry 56.12 (2004): 981-983. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15601609

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Über den Autor Mag. Julia Tulipan

Julia Tulipan ist Biologin (Mag.) und Master of Science in klinischer Ernährungsmedizin. Sie ist Speakerin, Dozentin und Best Seller Autorin und schreibt für verschiedene Online-Magazine sowie für ihr eigenes Blog paleolowcarb.de vor allem zu den Themen ketogene und artgerechte Ernährung und Bewegung. Julia hat selbst lange mit ihrer Gesundheit gekämpft. So wurde ihr Interesse an gesunder Ernährung geweckt. Seither hat sie sich mit Low Carb und der Keto-Ernährung Stück für Stück mehr Lebensqualität zurück erkämpft.

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