Die Idee, dass zu viele Kohlenhydrate und vor allem fein gemahlene Getreidemehle sowie Zucker eine zentrale Rolle in der Entstehung von Übergewicht, Fettleibigkeit, metabolischem Syndrom, Diabetes mellitus und anderen sogenannten Zivilisationskrankheiten spielen, ist bei weitem nicht neu. Begleiten Sie mich auf eine kurze Reise durch die Zeit und lernen Sie diejenigen Menschen kenne, die als Freigeister und Querdenker „konventionelles Wissen“ in Frage gestellt haben.

1848 Jean Anthelme Brillat-Savarin

Brillat-Savarin war französischer Schriftsteller und Gastrosoph. Das bekannteste seiner Werke ist „La Physiologie du Goût“[i] (deutsch: „Die Physiologie des Geschmacks“), 1826 erschienen, 1865 ins Deutsche übersetzt, an dem er 25 Jahre lang gearbeitet haben soll. Darin geht es nicht nur um die Zubereitung exquisiter Speisen, sondern grundsätzlich um sehr geistvolle Theorien zu Tafelfreuden, eine Art Lebenslehre.

Mit seinem Buch begründete er eine neue Form des Schreibens über Essen und trug in Europa wesentlich zur Weiterentwicklung der Kochkunst bei.

Brillat-Savarin war der Überzeugung, dass Zucker und Stärke die eigentliche Ursache für Übergewicht sind. So schreibt er in seinem Buch „Physiologie du Goût“:

„Sicher ist, fleischfressende Tiere werden nie fett (betrachtet man Wölfe , Schakale , Greifvögel , Krähen , etc.). Pflanzenfressende Tiere werden nicht Fett leicht, zumindest bis Alter sie auf einen  Zustand der Inaktivität reduziert; aber sie können sehr schnell fett werden, sobald sie beginnen, mit Kartoffeln , Getreide, oder jede Art von Mehl zugeführt werden. … Die zweite der Hauptursachen für Übergewicht sind die mehligen und stärkehaltigen Stoffe, die der Mensch zu den Hauptzutatenseiner täglichen Nahrung macht. Wie wir bereits gesagt haben, alle Tiere, die von mehligen Speisen leben werden wohl oder übel fett; und der Mensch ist keine Ausnahme von dem allgemeinen Gesetz“

Brillat-Savarin, Jean Anthelme (1970). The Physiology of Taste. trans. Anne Drayton. Penguin Books. pp. 208–209. ISBN 978-0-14-044614-2.

 

1864 William Banting

William Banting lebte in London des späten 19. Jahrhunderts und war dort als Bestatter tätig. Sein äußerst erfolgreiches Familienunternehmen, welches er von seinem Vater geerbt hatte, war offizieller Bestatter der königlichen Familie. Er war schwer übergewichtig und alle Versuche abzunehmen waren erfolglos.

Auf Anregung des Londoner Arztes William Harvey, begann Banting mit einer speziellen kohlenhydratreduzierten und fettreichen Diät. Die Idee dafür, hatte Harvey von einem Pariser Arzt namens Claude Bernard. Bernard verwendete eine kohlenhydratreduzierte Ernährung für Diabetes Management. Zum damaligen Zeitpunkt war eine Ernährungsintervention die einzige Therapieform für Diabetiker, denn Insulin konnte erst ab 1922 in großen Mengen synthetisiert werden.

Banting nimmt durch die LCHF Ernährung erfolgreich ab und begeistert von dem eigenen Erfolg schreibt er seine Erfahrungen in einem Büchlein nieder, das er unter dem Titel “Letter on Corpulence, Addressed to the Public” veröffentlichte[ii]. Obwohl von der medizinischen Gemeinschaft abgelehnt, wurde das Buch ein Bestseller, wurde mehrfach nachgedruckt und über 63.000 Exemplare verkauft. Da er es als unethisch betrachtete, Geld mit dem Leid anderer zu verdienen, spendete er alle Profite für wohltätige Zwecke und stellte eine ausführlichen Abrechnung in der letzten Auflage dar.

 

1930 Vilhjálmur Stefansson

Stefansson war Kanadier isländischer Abstammung. Er war Polarforscher und Ethnologe. Im Auftrag der kanadischen Regierung führte Stefansson zahlreiche Expeditionen in die Arktis um diese zu kartographieren. Die Expeditionen dauerten oft viele Wochen und es wäre nicht möglich gewesen Proviant für den ganzen Zeitraum mitzuführen. Wie überlebt man also in eisiger Kälte? Er begann die Lebensweise der Inuit zu kopieren und für sich und die Expeditionsteams erfolgreich umzusetzen. Das Leben mit den Inuit und seine eigenen Erlebnisse wecken in Stefansson die Faszination für extrem kohlenhydratreduzierte Ernährungsformen.

Der damalige Zeitgeist war, dass eine „low-carb“ oder gar „very low carb“ Ernährung quasi als Häresie angesehen wurde und schlicht weg lebensgefährlich. Man hatte gerade die Vitamine entdeckt und man war der Meinung, dass eine solche Ernährung zu Nierenversagen, Skorbut und anderen extremen Mangelerscheinungen führen müsse. Stefansson, der Jahrelang bei den Inuit gelebt hatte und deren Lebensweise bis ins kleinste Detail studiert hatte, wollte die wissenschaftliche Welt von Gegenteil überzeugen. Stefansson und sein Kollege Anderson willigten ein, an einem außergewöhnlichen Experiment teilzunehmen. Sie würden für 1 Jahr, unter medizinischer Aufsicht, nach Eskimovorbild Essen. Die Ergebnisse wurden 1930 im Journal of Biological Chemistry veröffentlicht. Sehr zur Verwunderung der Forscher waren Stefansson und Anderson nicht nur vollkommen Gesund sie hatten einen normaler Blutdruck, keine Mangelerscheinungen, leichter Gewichtsverlust (nicht Ziel des Versuch), kein Verlust an Muskelmasse, Kraft oder Konzentrationsfähigkeit sowie gesundes Zahnfleisch[iii].

 

1939 Weston A. Price

Weston A. Price war Zahnarzt. Er arbeitete sowohl mit Patienten in seiner eignen Praxis, war aber auch aktiv in Forschung und Entwicklung tätig. So entwickelte er zum Beispiel verbesserte Dentalfüllungen, in dem er eine Kombination aus Porzellan und Metall kreierte. Er verbesserte Diagnosetechniken und erforschte den Zusammenhang zwischen Röntgenstrahlung und der Entstehung von Krebs.

1894 begann Prices Interesse für Ernährung und er sah diese als Hauptfaktor in der Entstehung von Karies. Verwundert von der seit Ende des 19. Jahrhunderts zunehmenden Fälle von Zahnfäule und generellem Abbau physischer Stärke seiner Patienten versuchte Dr. Price einen Grund für diese Symptome zu finden. Seine er begibt sich, zusammen mit seiner Frau, auf eine Reise um die Welt. Die Suche nach einer Antwort führte ihn zu verschiedensten Völker über den gesamten Globus verstreut, die in Abgeschiedenheit von der modernen Zivilisation lebten.

1939 veröffentlicht er seine Ergebnisse in einem Buch „Nutrition and Physical Degeneration“. Er kommt zu dem Schluss, dass gewisse Aspekte der modernen westlichen Ernährung, vor allem Zucker, Mehl und Pflanzenfette, die Ursache für Nährstoffdefizite, Karies und andere gesundheitlichen Probleme darstellen[iv].

Österreichische und deutsche Forscher

 

1885 Dr. Wilhelm Ebstein

Wilhelm Ebstein stammt aus einer großbürgerlichen Familie und wurde 1836 in Niederschlesien geboren. Ebsteins Forschungsschwerpunkt waren die Stoffwechselkrankheiten. Zu seinen Lebzeiten galt er weltweit als einer der bedeutendsten Spezialisten auf diesem Gebiet. Eine Reihe von medizinischen Syndromen oder Anomalien sind nach ihm benannt.

Ebstein schrieb im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere 237 Artikel, 72 davon über metabolische Erkrankungen. Er war der Überzeugung, dass Übergewicht, Gicht und Diabetes mellitus hormonelle Störungen waren und die Ursache auf zellulärer Ebene zu suchen sei. Ebstein vertrat die Meinung, dass nicht Fett sondern vor allem Stärke und Zucker maßgeblich an der Entstehung von Übergewicht, Fettleibigkeit, Gicht und Diabetes mellitus beteiligt sei. 1882 veröffentlichte er ein Buch zur Behandlung von Übergewicht und zwei Jahre später eines zur Behandlung von Gicht. In beiden Büchern empfiehlt er eine kohlenhydratreduzierte und fettreiche Ernährung, die nur moderate Mengen an Protein enthält[v].

 

1950 Dr. Wolfgang Lutz

Wolfgang Lutz, geboren und aufgewachsen in Österreich. Sohn eines Mediziners schlägt er selber die medizinische Laufbahn ein. Er studiert in Innsbruck und Wien. Nach Abschluss seines Studiums arbeitet er in Wien am allgemeinen Krankenhaus bis zum Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Im Zuge des Krieges verlegt er sein Interesse auf die medizinischen Herausforderungen in der Luftfahrt. Er entwickelt einen speziellen Anzug, der Kampfjetpiloten davor bewahrt, bei Abfall des Kabinendruckes das Bewusstsein zu verlieren. Wolfgang Lutz war außerdem an der Entwicklung einer verbesserten Reanimationstechnik beteiligt, die vor allem bei starker Unterkühlung eingesetzt wurde.

Nach dem Krieg, lehnte er das Angebot ab, bei der US Raumfahrt zu arbeiten. Er nahm als Zeuge bei den Nürnbergern Prozessen teil und begann danach als praktischer Arzt in Salzburg zu arbeiten.

Seine Passion gilt der Ernährungsmedizin und beunruhigt über den dramatischen Anstieg der sog „Zivilisationskrankheiten“, widmet er all seine Energie der Erforschung diese Themas. Er entwickelt die Idee, dass der Mensch schlecht an die große Menge an verarbeiteten Kohlenhydraten angepasst ist und eine eizeitliche Jäger-Sammler Ernährung mehr unserer genetischen Anpassung entsprechen würde. Er empfiehlt seinen Patienten eine moderne „Steinzeiternährung“ – reich an Fett und eingeschränkter Aufnahme an Kohlenhydraten. 1967 erscheint sein erstes Buch „Leben ohne Brot“[vi]. 1986 wird sein Buch ins Englische Übersetzt „Dismantling a Myth: The Role of Fat and Carbohydrates in Our Diet“, er hofft damit die Diskussion und den wissenschaftlichen Austausch anzuregen. Leider scheitert er, wie schon Dr. Atkins vor ihm. Dr. Wolfgang Lutz stirbt 2010 im Alter von 92 Jahren in Salzburg.

 

Zusammenfassung

Dies sind nur einige der ersten Pioniere, die es wagten Dogmen in Frage zu stellen und sich gegen den Konsens zu stellen. Was vor 150 Jahren als kleine Welle begann, scheint sich nun langsam zu einem Tzunami zu entwickeln. Gery Taubes schreibt 2001 einen kritischen Artikel mit dem Titel “Dietary Fat: At the Heart of the Matter”[vii], welcher im renommierten Fachmagazin Science veröffentlicht wird und den Sturz des „Fett macht Fett und Krank“ Mantras, welches uns seit den 60er Jahren eingetrichtert wurde, einläutete. Seit dem hinterfragen und kritisieren nicht nur immer mehr namhafte Wissenschaftler die bestehenden Ernährungsrichtlinien, es findet sich auch immer mehr Unterstützung um qualitativ hochwertige, klinische Studien durchzuführen.

Wir befinden uns an einem Wendepunkt und man darf gespannt sein.

[i] Brillat-Savarin, Jean Anthelme . 1970. The Physiology of Taste. trans. Anne Drayton. Penguin Books. pp. 208–209. ISBN 978-0-14-044614-2.

[ii]William Banting: Letter on Corpulence. Harrison, 1869.  http://www.proteinpower.com/banting/

[iii] Walter S. McClellan and Eugene F. Du Bois . „Prolonged Meat Diets with a Study of Kidney Function and Ketosis“ by (J. Biol. Chem. 87: 651-668, July 1930)

[iv] Price, Weston A. Nutrition and Physical Degeneration: A Comparison of Primitive and Modern Diets and Their Effects 1939. Paul B. Hoeber, Inc; Medical Book Department of Harper & Brothers.

[v] Ebstein, Wilhelm. 1885. The Regime to be adopted in Case of Gout. https://openlibrary.org/books/OL24361155M

[vi] Wolfgang Lutz: Leben ohne Brot – Die wissenschaftlichen Grundlagen der kohlenhydratarmen Diät, 16. Auflage, 2007, ISBN 3-88760-100-9

[vii] Gary Taubes. 2001. The Soft Science of Dietary Fat. Science. Vol 291

 


Erschien auch im LCHF Magazin 1/2015

Photo (Wilhelm Ebstein) by Nicola Perscheid via Wikipedia

 

The following two tabs change content below.
Mag. Julia Tulipan
Julia Tulipan ist Biologin (Mag.) und Personal Fitness and Health Trainer (Dipl.) und schreibt für verschiedene Online-Magazine und für ihr eigenes Blog paleolowcarb.de vor allem zu den Themen gesunde und artgerechte Ernährung und Bewegung. Julia hat selbst lange mit ihrer Gesundheit gekämpft. So wurde ihr Interesse an gesunder Ernährung geweckt. Seither hat sie sich mit Low Carb und der Paleo-Ernährung Stück für Stück mehr Lebensqualität zurück erkämpft.