Mag. Julia Tulipan MSc.
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Niedriges Cholesterin lässt dich früher sterben. Ergebnisse aus einer Studie mit 18 Millionen Erwachsenen

Dass es bis zu 15 Jahre dauern kann bis eine neue wissenschaftliche Erkenntnis auch bis in die letzte Arztpraxis vorgedrungen ist, ist bekannt. Ein solches Beispiel ist die Behandlung von H.pylori mit einer einfachen Antibiotikatherapie.

Wenn du dazu mehr erfahren willst, dann höre dir doch mein Podcast dazu an. https://www.evolutionradioshow.de/episodes/108

#Folge 108: Helicobacter Pylori, den Status Quo in Frage stellen und der langsame Weg von der Wissenschaft in die Praxis. Die Geschichte um Dr. Barry Marshall und das Bakterium Helicobacter Pylori liest sich wie ein Krimi. Ausgelacht und von der Fachwelt verspottet, sollte er schließlich und endlich sogar den Nobelpreis für Medizin erhalten.

 

So wie Dr. Marshall mit seinem H. pylori geht es uns auch mit dem Cholesterin. Dass der Cholesterinwert alleine für sich betrachtet KEIN verlässlicher Marker für Herz-Kreislauferkrankungen und auch KEINEN Risikofaktor darstellt, ist hinsichtlich der Datenlage, einfach nicht weg zu diskutieren. Trotzdem begegnen mir immer wieder Menschen, die von ihrem Hausarzt ausschließlich auf Grund des Cholesterins Statine (Cholesterinsenker) verschieben bekommen. Meistens ohne auf die Nebenwirkungen hinzuweisen wie ein signifikant erhöhtes Risiko für Demenz und Typ 2 Diabetes sowie Muskelschmerzen und Muskelschwäche.

Zum Thema Cholesterin habe ich einen sehr ausführlichen Artikel geschrieben, in dem ich versucht habe, einen guten Überblick über die Datenlage zu geben.

https://paleolowcarb.de/alles-was-du-ueber-cholesterin-wissen-musst/

 

Wer jetzt immer noch nicht überzeugt ist, für den habe ich hier eine ganz aktuelle Arbeit. Eine in NATURE – Scientific Reports veröffentliche Studie, die auf einen Datenpool von 12,8 Millionen Erwachsenen zugegriffen hat, zeigt eines ganz deutlich, ein niedriger Cholesterinwert verlängert nicht das Leben[1].

Bevor wir uns die Ergebnisse anschauen, müssen wir und kurz mit zwei Begriffen auseinandersetzen. Das eine ist die Gesamtsterblichkeit (Total Mortality) und die Hazard Ratio.

Gesamtsterblichkeit: Anzahl der Todesfälle bezogen auf die Gesamtanzahl der Individuen oder – bei der spezifischen Sterberate – bezogen auf die Anzahl in der betreffenden Population, meist in einem bestimmten Zeitraum.

Hazard Ratio: Die Hazard Ratio (HR) ist das Verhältnis von (Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses, das im Behandlungsarm auftritt) / (Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses, das im Kontrollarm auftritt). Die HR ist auch definiert als das Verhältnis von (Ergebnisrisiko in einer Gruppe) / (Ergebnisrisiko in einer anderen Gruppe), das in einem bestimmten Zeitintervall auftritt.

HR = 1: kein Risiko

HR = 2: doppelt so hohes Risiko

Yi, Sang-Wook, et.al. Scientific reports 9.1 (2019): 1596.

 

Eine U-förmige Kurve zeigt, dass sowohl bei den niedrigen als auch bei den hohen Werten die Sterblichkeit leicht ansteigt. Man sieht, dass allerdings bei einem sehr niedrigen Gesamtcholesterin die Sterblichkeit deutlich stärker ansteigt, als dies bei höherem Cholesterin der Fall ist.

Wie du in den nächsten Graphiken sehen wirst verschiebt sich diese Beziehung mit zunehmenden Alter zu Gunsten höherem Cholesterin. Ab 45 wird die Kurve über 200 mg/dl immer flacher und die Kurve steigt unterhalb von 200 mg/dl immer steiler an. Erst in der Altersgruppe 75-99 flacht die Kurve dann generell etwas ab.

 

Yi, Sang-Wook, et.al. Scientific reports 9.1 (2019): 1596.

 

Yi, Sang-Wook, et.al. Scientific reports 9.1 (2019): 1596.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass U-Kurvenbeziehungen zwischen TC und Mortalität unabhängig von Geschlecht und Alter zu beobachten ist.

Die Cholesterinwerte, die mit der niedrigsten Sterblichkeit assoziiert sind, lagen bei 210-249 mg/dL in jeder Untergruppe, mit Ausnahme der jüngsten Gruppen von Männern im Alter von 18-34 Jahren (180-219 mg/dL) und Frauen im Alter von 18-34 Jahren (160-199 mg/dL) und 35-44 Jahren (180-219 mg/dL).

Inverse Assoziationen im Bereich von < 200 mg/dL waren mehr als 3-fach stärker als positive Assoziationen für den Cholesterinspiegel ≥ 200 mg/dL, mit Ausnahme der jüngsten Erwachsenen. Das heißt das Risiko früher zu sterben ist mit einem Gesamtcholesterin von unter 200 mg/dl, 3-mal so hoch, als wenn das Gesamtcholesterin über 200 mg/dl liegt.

Positive Assoziationen im oberen TC-Bereich waren bei den jüngsten Erwachsenen am stärksten und schwächten sich mit zunehmendem Alter ab.

Gesamtcholesterin-Werte unter 200 mg/dL sind nicht unbedingt ein Zeichen für eine gute Gesundheit. Viele Studien zeigen sogar einen schützende Wirkung von Cholesterin, besonders was die Gedächtnisleistung im höheren Alter betrifft. Auch Frauen scheinen von einem höheren Cholesterin eher zu profitieren.

Heute wissen wir, dass Gesamtcholesterin alleine KEIN Risikomarker für Herz-Kreislauferkrankungen ist. Wir wissen, dass es verschiedene Subklassen von Cholesterin gibt und dass Entzündung und Oxidation durch freie Radikale ein großes Risiko darstellen.

Dies scheint besonders für Frauen zu gelten. In der norwegischen HUNT-2 Studie zeigte sich, dass Cholesterin kein linearer Risikofaktor ist und es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. 52.087 Teilnehmer im Alter zwischen 20 und 70 wurden über 10 Jahre begleitet[2].

Petursson, Halfdan, et al. Journal of evaluation in clinical practice 18.1 (2012): 159-168.

 


Referenzen

[1] Yi, Sang-Wook, Jee-Jeon Yi, and Heechoul Ohrr. „Total cholesterol and all-cause mortality by sex and age: a prospective cohort study among 12.8 million adults.“ Scientific reports 9.1 (2019): 1596.

[2] Petursson, Halfdan, et al. „Is the use of cholesterol in mortality risk algorithms in clinical guidelines valid? Ten years prospective data from the Norwegian HUNT 2 study.“ Journal of evaluation in clinical practice 18.1 (2012): 159-168.

Über den Autor Mag. Julia Tulipan

Julia Tulipan ist Biologin (Mag.) und Master of Science in klinischer Ernährungsmedizin. Sie ist Speakerin, Dozentin und Best Seller Autorin und schreibt für verschiedene Online-Magazine sowie für ihr eigenes Blog paleolowcarb.de vor allem zu den Themen ketogene und artgerechte Ernährung und Bewegung. Julia hat selbst lange mit ihrer Gesundheit gekämpft. So wurde ihr Interesse an gesunder Ernährung geweckt. Seither hat sie sich mit Low Carb und der Keto-Ernährung Stück für Stück mehr Lebensqualität zurück erkämpft.

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