Mag. Julia Tulipan
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Offener Brief an die ORF Redaktion – „Ketogene Diät: Nichts für den Alltag“

Am 26.2. 2019 wurde auf science.orf.at ein Artikel mit dem reißerischen Titel „Ketogene Diät: Nichts für den Alltag“  veröffentlicht. Im Zuge dieses Artikel werden die Ernährungswissenschaftlerin Frau Dr. Petra Rust, sowie der Sportmediziner Dr. Christoph Triska zu dem Thema befragt. Frau Dr. Rust und Herr Dr. Triska sind keine Experten auf dem Gebiet der ketogenen Ernährung. Wir (siehe unter dem Artikel) werfen der Redaktion des ORF vor, dass die Basis einer guten journalistischen Arbeit grob vernachlässigt wurde, nämlich Hintergrundrecherche und Experteninterviews. Es gibt zahlreiche Experten auf dem Gebiet der ketogenen Ernährung, die auch zu dem Thema wissenschaftliche Publikationen vorzuweisen haben. Es wurde verabsäumt diese Experten zu dem Thema zu befragen. Frau Dr. Rust und Herr Dr. Triska mögen sich zwar mit Ernährung auskennen, das macht sie aber noch nicht automatisch zu kompetenten Interviewpartnern im Bezug auf die ketogene Ernährung. Ich frage ja auch keinen Orthopäden, wenn es um Herz-Kreislauferkrankungen geht.

Leider hat es von Seiten der ORF Redaktion keine Reaktion auf unseren Leserbrief gegeben. Darum veröffentliche ich hier den Brief in voller Länge. Es ist einfach sehr traurig, dass Journalisten von angeblich „vertrauenswürdigen“ Organisationen wie dem ORF auch einfach nur schreiben was bequem ist und sich nicht einmal die Mühe machen echte journalistische Arbeit zu betreiben.

Wenn du, lieber Leser, mehr über Keto erfahren willst, dann starte am Besten hier.

Stellungnahme zu dem Artikel: „Ketogene Diät: Nichts für den Alltag“ erschienen am 26.02. auf https://science.orf.at/stories/2966762/ 

Autorin: Hanna Ronzheimer, Ö1-Wissenschaft

 

Sehr geehrte Frau Ronzheimer,

In Ihrem Artikel vom 26.02. „Ketogene Diät: Nichts für den Alltag“ wurden die Ernährungswissenschaftlerin Petra Rust und der Sportwissenschaftler Christoph Triska zitiert. Beide treffen Aussagen, die nicht wissenschaftlich fundiert sind und klar wiederlegt werden können. Die Aussagen spiegeln eine persönliche Meinung wieder, jedoch nicht den aktuellen Stand der Wissenschaft.

Folgende Aussagen sind eindeutig nicht wissenschaftlich fundiert.

 

Statement:Alle Studien haben gezeigt, dass ketogene Diät auf gar keinen Fall leistungssteigernd ist.“

 

Es stimmt, dass manche Studien keine oder auch eine Leistungsminderung bei Umstellung auf ketogene Diät beobachtet haben. Jedoch gibt es eine Reihe von Studien, welche positive Effekte auf die sportliche Leistungsfähigkeit zeigen, wie in einer rezenten wissenschaftlichen Übersichtsarbeit beschrieben ist (Ma S und Suzuki K; Sports (Basel). 2019 Feb 13;7(2)).

 

Zusätzlich gibt es auch einige sehr erfolgreiche Leistungssportler, die auf eine ketogene Ernährung setzte, so zum Beispiel der 4-fache Tour de France Gewinner Chris Froome, der Weltrekordhalter für Langstreckenläufe (100 und 200 Meilen) Zack Bitter und der schnellste Schweizer Ironman, Jan van Berkel.

 

Statement: „Auf Dauer sei die ketogene Ernährung zu einseitig, kritisiert die Ernährungswissenschaftlerin. Denn auf der „Schwarzen Liste“ stehen auch viele Obstorten und kohlenhydratreiches Gemüse wie zum Beispiel Karotten. „Lebensmittelgruppen wie Gemüse, Obst, Vollkornprodukte tragen ganz wesentlich dazu bei, dass wir optimal mit Vitaminen, Mineralstoffen, aber auch mit Pflanzeninhaltsstoffen versorgt sind“.

 

Dies ist wiederum eine Meinung und nicht durch wissenschaftliche Studien belegt. Außerdem suggeriert diese Aussage, dass die Bevölkerung durch die offiziellen Ernährungsempfehlungen vor Vitamin- und Mineralstoffmängel geschützt sind. Ein Blick auf den Österreichischen Ernährungsbericht 2012 zeigt, dass große Teile der Bevölkerung nicht ausreichend mit Vitaminen versorgt ist.

 

Frau Rust ist keine Keto-Expertin, sie präsentiert ihre persönliche Meinung und keine wissenschaftlich belegbaren Fakten.

 

Statement: „Was man jetzt herausgefunden hat, ist, dass sie sogar ein bisschen Demenz beschleunigt.“ Es ist unklar auf welche Studie sich diese Aussage bezieht und was ein bisschen beschleunigen heißt. Gerade in Bezug auf Demenz gibt es eine Reihe von wissenschaftlich fundierten Studien, welche positive Auswirkungen von ketogenen und low carb Diäten zum Beispiel auf Alzheimer Erkrankungen hinweisen  (Alzheimers Dement (N Y). 2017 Dec 6;4:28-36;  Neurosci Lett. 2019 Jan 18;690:232-236; Nutrition. 2019 Apr;60:118-121; Brain Sci. 2018 Aug 8;8(8)).

 

Eine Panikmache, dass ketogene Diäten Demenz ein bisschen beschleunigen, ist auf Grund der vorliegenden wissenschaftlichen Daten keinesfalls angebracht. Eine rezente Studie zeigt genau das Gegenteil (J Prev Alzheimers Dis. 2017;4(1):51-57).

 

Wir weisen jedoch auch darauf hin, dass es zu dem Thema keine groß angelegte klinischen Studien gibt und diese nötig sind um ketogene und low carb Diäten als generelle Therapieempfehlung bei Alzheimer in den Behandlungsleitlinien zu etablieren.

 

Statement: Doch gesund sei diese Ernährungsform langfristig nicht, warnt die Ernährungswissenschaftlerin Petra Rust von der Universität Wien: „Ketogene Ernährung kann zum Beispiel Nierensteine begünstigen. Sie ist auf keinen Fall geeignet für Menschen mit Nierenproblemen.“

 

Frau Rust bezieht sich hier auf Daten aus der Behandlung von epilepsiekranken Kindern. Diese Kinder nehmen eine Vielzahl an Medikamenten, welche ebenfalls das Risiko für die Entstehung von Nierensteinen begünstigen. Es gibt keine Daten, die die Behauptung unterstützen würden, dass eine ketogene Diät, ohne die gleichzeitige Einnahme von anfallshemmenden Medikamenten, das Risiko für Nierensteine erhöhen würde. In einer retrospektiven Studie mit 315 Patienten schlussfolgern die Autoren, dass die einfache Gabe von Kaliumcitrat das Risiko für Nierensteine in dieser Kohorte deutlich reduziert (Eur J Paed. Neurol. 2015;19(1):29-36

 

Statement: „Wer nichts falsch machen möchte, hält sich daher am ehesten an die Empfehlungen der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung. Diese rät zu höchstens 30 Prozent Fett im täglichen Essen und zu 50 Prozent Kohlenhydraten.“

 

Albert Einstein sagte: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

Seit der Einführung der Ernährungspyramide in den 1970er Jahren sind wir nicht gesünder, sondern kränker geworden. Die Empfehlungen von damals sind nicht evidenzbasiert und ihre Überarbeitung wird seitens zahlreicher Wissenschaftler und führenden Persönlichkeiten aus der Medizin gefordert (Harcombe, Z. et al. 2016. Evidence from prospective cohort studies did not support the introduction of dietary fat guidelines in 1977 and 1983: a systematic review. British journal of sports medicine. (2016).

2004 schreibt Sylvan Lee Weinberg, der ehemalige Präsident des American College of Cardiology:

The low-fat, high-carbohydrate diet … may well have played an unintended role in the current epidemics of obesity, lipid abnormalities, type 2 diabetes, and metabolic syndromes. This diet can no longer be defended by appeal to the authority of prestigious medical organizations.

Übersetzung: Die fettarme, kohlenhydratreiche Diät … kann in der aktuellen Epidemie von Fettleibigkeit, Lipid-Anomalien, Typ-2-Diabetes und metabolischen Syndrom eine unbeabsichtigte Rolle gespielt haben. Diese Diät kann nicht länger, unter Berufung auf die Autorität renommierter medizinischer Organisationen, verteidigt werden (Weinberg, Sylvan Lee. „The diet–heart hypothesis: a critique.“ Journal of the American College of Cardiology 43.5 (2004): 731-733.).

 

Prof. Dr. Matthias Blüher – Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG)

„Die derzeitigen Empfehlungen der DGE zur Makro- und Nährstoffverteilung für die Ernährung der Bevölkerung sind nicht mehr zeitgemäß und sollten überarbeitet werden – zumal sie auch nicht durch wissenschaftliche Daten gestützt werden.“

 

Die ketogene Ernährung und das Wissen um ihre Wirksamkeit ist ein sich schnell entwickelndes Feld. Daher ist es selbst Fachleuten oft nicht möglich immer am neuesten Stand zu sein, wenn ihr eigentlicher Forschungsfokus nicht dort angesiedelt ist.

Die im Folgenden genannten Personen sind Experten auf dem Gebiet der ketogenen Ernährung, mit langjähriger Erfahrung. Gerne stehen wir für weitere Fragen oder ein Interview zur Verfügung. Im Sinne der objektiven Berichterstattung und der Stellung des ORF als seriöse Wissensplattform, würden wir eine offizielle Korrektur der Falschaussagen sehr begrüßen.

 

Hochachtungsvoll,

Mag.rer.nat. Julia Tulipan

Dipl. oec. troph. Ulrike Gonder

Daniela Pfeifer, Dipl. Diätologin

Dr. med. Markus Bock

Dr. med. Volker Dahmen

Univ.Prof. Mag. Dr. Barbara Kofler

Prof. Dr. Ulrike Kämmerer

Über den Autor Mag. Julia Tulipan

Julia Tulipan ist Biologin (Mag.) und Personal Fitness and Health Trainer (Dipl.) und schreibt für verschiedene Online-Magazine und für ihr eigenes Blog paleolowcarb.de vor allem zu den Themen gesunde und artgerechte Ernährung und Bewegung. Julia hat selbst lange mit ihrer Gesundheit gekämpft. So wurde ihr Interesse an gesunder Ernährung geweckt. Seither hat sie sich mit Low Carb und der Paleo-Ernährung Stück für Stück mehr Lebensqualität zurück erkämpft.

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