Diabetes ist eine Epidemie und der Anstieg in den letzten Jahrzenten dramatisch. Zwischen 1998 und 2012 müssen wir ein Plus von 38% verzeichnen. Diabetes gehört zu den Top 10 Todesursachen in Deutschland. Täglich kommen alleine in Deutschland 1000 neue Diabetespatienten hinzu, dabei wissen 1 von 2 Menschen mit Diabetes nicht einmal, dass sie an der Stoffwechselerkrankung leiden. Mit jährlichen Kosten von 48 Mrd. Euro bedeutet Diabetes auch eine große Belastung für das Gesundheitssystem. Laut dem jährlichen Bericht der „International Diabetes Federation“ wird die Zahl an Diabetikern im Jahr 2035 um 53% angestiegen sein.

Keine schönen Aussichten! Doch jetzt die gute Nachricht – Diabetes ist eine vermeidbare und umkehrbare Krankheit.

Doch in diesem Artikel möchte ich nicht über die möglichen Ernährungsstrategien sprechen, sondern um die Früherkennung. Denn hier liegt leider schon das Problem begraben.

Blutzucker alleine reicht nicht aus

Auch wenn der Nüchtern-Blutzucker (BZ) meistens sogar der einzige Wert ist. Der bei einer Grunduntersuchung abgenommen wird, um die metabolische Gesundheit zu bestimmen, ist er für sich alleine genommen, ein denkbar schlechter Wert.

Dies hat mehrere Gründe:

  • Der Blutzucker ist, abgesehen von der Nahrungsaufnahme, durch viel Faktoren beeinflussbar. Sport, Stress, schlechter Schlaf oder eine Infektion – all dies treibt den Blutzucker in die Höhe. Ist dir der Arzt unsympathisch, oder bist Du durch die Situation gestresst? Das kann Deine Werte deutlich in die Höhe treiben.
  • Der Blutzucker zeigt nur eine Momentaufnahme und sagt nichts darüber aus, wie sich der BZ über den Tag hinweg und nach Mahlzeiten verhält.
  • Der BZ bleibt sehr lange „normal“ auch wenn eigentlich schon eine Insulinresistenz vorliegt. Ist der Blutzucker erst einmal erhöht, dann ist eigentlich schon „Feuer am Dach“. Der BZ ist daher als Mittel zur Früherkennung denkbar ungeeignet.

Wenn nicht Blutzucker, was dann?

Neben dem Blutzucker, gibt es andere Werte, die Deine metabolische Gesundheit wesentlich besser widerspiegeln.

Hämoglobin A1c (HbA1c)

Befindet sich Glucose im Blut, so bindet diese irreversibel an andere Moleküle, wie zum Beispiel das Hämoglobinmolekül in den roten Blutkörperchen. Diesen Vorgang nennt man Verzuckerung. Die durchschnittliche Lebensdauer von roten Blutkörperchen wird mit 3 Monaten angegeben. Misst man wie viele der Hämoglobinmoleküle verzuckert sind, kann man daraus Rückschlüsse ziehen, wie hoch der durchschnittliche Blutzucker innerhalb der letzten Wochen war.

Also selbst wenn der Nüchtern-Blutzucker etwas höher ist, brauch man sich keine Sorgen machen, solange der Langzeitblutzucker niedrig ist. Noch eine Bemerkung am Rande. Nicht wundern, wenn der HbA1c nicht super niedrig ist. Wer einen gesunden Lebensstil folgt, dessen rote Blutkörperchen leben durchschnittlich länger. Anzustreben ist ein möglichst niedriger Hba1c – ideal unter 5.

Nüchtern Insulin

Neben dem Langzeitblutzucker ist auch die Messung des Nüchtern-Insulins eine gute Möglichkeit mehr über die eigene metabolische Gesundheit herauszufinden. Das Problem ist, der Blutzucker zeigt erst sehr spät Entgleisungen, während man am Insulin wesentlich früher Probleme des Stoffwechsels erkennen kann. Der Reverenzbereich wird auch beim Insulin relativ weit gefasst. Prinzipiell gilt alles was unter 10 mU/l als normal. In der Literatur zeigt sich, dass Werte unter 8 bzw. unter 5 anzustreben sind.

HOMA-IR

Eine einfache und schnelle Methode ist HOMA-IR. HOMA-IR steht für “Homeostatic model assessment of Insulin Resistance” und ist eine Methode um das Level an Insulinresistenz zu bestimmen[i] [ii].  Um den HOMA-IR zu berechnen, benötigt man nüchtern-Insulin und nüchtern-Blutzucker. Auf dieser Seite der Oxford Universität findet sich ein einfaches Berechnungs-Tool https://www.dtu.ox.ac.uk/homacalculator/

Der Orale Glucose Toleranztest (OGTT) und Prädiabetes-Index nach Dr. Kraft

Ein noch genaueres Bild liefert der Prädiabetes-Index nach Dr. Kraft. Hier wird ein oraler Glucose-Toleranz Test (OGTT) durchgeführt, mit gleichzeitiger Insulinbestimmung. Anhand des Verlaufes von Glucose und Insulin über die Zeit, lässt sich sehr genau bestimmen, wo im Spektrum der Insulinresistenz man sich befindet.

Mehr zu diesem Test findet man auf der Website von Meridian Valley Labs. Diese Auswertung wird in Europa noch nicht angeboten. Man kann allerdings bei jedem Labor eine solche Untersuchung durchführen lassen, wird aber vermutlich aus eigener Tasche finanziert werden müssen. Die Interpretation müsste man dann selber durchführen, was aber mit der Information auf der oben genannten Seite durchaus möglich sein dürfte.

Dr. Kraft unterscheidet 6 verschiedene Typen. Je nach dem wie sich Blutzucker und Insulin verhalten:

Quelle: Meridian Valley Labs

Das Problem mit dem OGTT und LCHF

Wer sich bereits low-carb ernährt und einen OGTT machen muss oder machen möchte, sollte an die physiologische Insulinresistenz denken. Ohne entsprechende Vorbereitung, würde jeder LCHFler bei diesem Test mit wehenden Fahnen untergehen und als Diabetiker diagnostiziert werden.

Was versteht man unter physiologischer Insulinresistenz?

Bei Menschen, die sich low-carb ernähren, kommt es zu einer sogenannten physiologischen Insulinresistenz. Der Name ist etwas unglücklich gewählt, denn die physiologische Insulinresistenz ist ein vollkommen normaler Zustand, innerhalb weniger Tage reversierbar und hat eigentlich nichts mit der Insulinresistenz zu tun, wie wir sie bei Diabetikern sehen.

Es ist eine NORMALE physiologische Adaption an eingeschränkte Zuckeraufnahme.

Wird wenig Zucker über die Nahrung aufgenommen, dann beginnen die Muskelzellen die Glucose transportierenden Proteine in der Zellmembran zu reduzieren. Dies hat folgenden Hintergrund. Fast alle Zellen in unsere, Körper können Ketonkörper und Fettsäuren zur Energiegewinnung nutzen. Einige wenige Zellen, unter anderem die Retina, rote Blutkörperchen und zu einem gewissen Grad auch das Gehirn, brauchen Glucose. Damit die Glucose für die Zellen zur Verfügung steht, die sie wirklich brauchen, müssen die anderen Zellen weniger sensibel auf Insulin reagieren.

Niedrige Insulin-Level sorgen für die Aktivierung der hormonsensitiven Lipase (HSL). Diese zerlegt die Triglyceride in freie Fettsäuren und ermöglicht so, die Freisetzung gespeicherten Fettes aus den Fettzellen. Die Anwesenheit von freien Fettsäuren im Blut verursacht eine sofortige Insulinresistenz der Muskelzellen. Dies kann sogar schon bei einem einzigen low-carb Essen beobachtet werden[iii] [iv].

 

Darum sollte man vor so einem Test unbedingt ein sogenanntes „Carb-Loading“ machen. Man sollte also 3 – 5 Tage vor dem Test damit beginnen Kohlenhydrate zu essen. Im Allgemeinen werden ca. 150 g pro Tag empfohlen. Wobei die natürlich nicht von irgendeinem Müll kommen müssen, sondern gerne aus guten Kohlenhydratquellen wie Süßkartoffel, Karotten, Kürbis, Reis etc… Ich habe vor meinem Test sicher nicht so viele Carbs gegessen und es hat auch geklappt. Kommt sicher auf die Körpergröße und auf die metabolische Flexibilität an.

Meine Ergebnisse

So jetzt zu meinen Ergebnissen. Wer meinem Blog schon länger folgt, weiß, dass ich vor LCHF mit vielerlei Problemen zu kämpfen hatte. Burn-Out, Zuviel und zu wenig Kilos, Leaky gut, Depressionen, Schlafstörungen, chronische Rückenschmerzen, uns so weiter und so weiter. Falls Du meine Geschichte noch nicht kennst, dann lies diesen Artikel von mir LINK.

Es könnte sein, dass ich schon lange, bevor sich die groben Probleme manifestiert haben, eigentlich schon ein Problem mit der Insulinsensibilität hatte. Alte Blutbefunde aus – zeigen einen nüchter Blutzucker von um die100 ml/dl. Nach der Umstellung auf LCHF und der weiteren Beschäftigung mit meiner persönlichen Gesundheit, habe ich begonnen regelmäßig meine eigenen Blutzucker zu messen. Mein BZ weiterhin relativ hoch, zwischen 95 und 100 ml/dl. Erst in den letzten 1,5 Jahren ist mein nüchtern-BZ deutlich gefallen. Heute liegen meine BZ-Werte meistens irgendwo zwischen 75 und 85 mg/dl. Bis zu dem Zeitpunkt ist es mir auch recht schwer gefallen in Ketose zu kommen, was heute nicht mehr der Fall ist. Ich sehe dies als eine deutliche Verbesserung meiner metabolischen Gesundheit und einen Rückgang der Insulinresistenz.

Blutzucker (nüchtern) 2013 – 2014

 

Blutzucker 1. Juni 2016 – 21. Jänner 2017

Die Graphik ist in mmol/l angegeben. Hier eine kleine Hilfe zur Konvertierung von mmol/l in mg/dl

mmol/lmg/dl
3.970
4.072
4.480
4.785
5.090
5.5100
6.0106
6.1110

 

Man sieht schön, dass ich Großteils unter 5 mmol/l (90 mg/dl) liege. Der Durchschnittswert liegt bei 4,5 mmol/l. Während ich im Vergleichszeitraum 2013-2014 sogar öfter über 100 mg/dl gelegen bin.

 

OGGT mit Insulinmessung vom 13.01. 2017

ZeitBZ mg/dlnormalInsulin mU/lnormal
fasting868,33.0 – 17.0(!)*
1/2 hour14464< 130
1 hour117152< 60
1 1/2 hour8661< 50
2 hour8657< 50

* 17.0 ist schon sehr hoch und ist (meiner Meinung nach) keineswegs noch normal. In der Literatur zeigt sich, dass ein Wert von < 10 anzustreben ist.

Leider habe ich keine Werte für Stunde 3 und Stunde 4, aber ich denke man bekommt so auch schon ein sehr interessantes Bild.  Mein Insulin schießt eine Stunde nach der Glucose-Challenge geradezu in die Höhe. Vergleicht man mit den Diagrammen von Dr. Kraft, so würde ich ein Pattern II – Delayed Insulin Response, sehen.

Ich habe meinen Test im Labor Dostal in Wien machen lassen. Möchtest Du auch einen Insulinbelastungstest durchführen lassen, dann kontaktiere Frau Dr. Sonja Schnürl-Hofmeister (http://www.dr-sonja-schnuerl.at).

Was lerne ich daraus?

Diese Ergebnisse bestätigen einerseits meinen bisherigen Eindruck, dass ich nicht gut mit Kohlenhydraten zurechtkomme und, dass der Umstieg auf eine stark kohlenhydratreduzierte Ernährung wohl ein Lebensretter war. Hätte ich so weiter gegessen, wie vor der Umstellung, wäre ich heute mit Sicherheit Diabetikerin.

Man sieht auch wie lange der Körper braucht um sich zu erholen. Die ersten Daten stammen von 2013/2014, zu der Zeit habe ich schon 1 Jahr richtig LCHF gegessen. Das heißt es hat ca. 4 Jahre gedauert, bis sich mein nüchter Blutzucker normalisiert hat. Daran sollte JEDER denken, der gerade seit ein paar Monaten dabei ist und ungeduldig wird! Hat ja auch Jahre oder Jahrzehnte gebraucht um in dem Schlamassel zu landen…

Was solltest Du aus meiner Erfahrung lernen?

  • Normal bedeutet nicht optimal
  • Nur weil der Blutzucker normal ist, heißt das noch lange nicht, dass man metabolisch gesund ist
  • Übergewicht ist nur einer von vielen Symptomen – nur, weil du nicht mit dem Gewicht kämpfst, heißt das noch lange nicht, dass Du gesund bist.
  • DU hast es selber in der Hand Deine Gesundheit in die richtige Richtung zu stupsen. Wenn Du es nicht machst, wir es niemand anderer machen
  • Der Weg zu einem gesunden und glücklichen Leben ist nicht bequem und kann ziemlich steinig sein.
  • Diabetes fängt mit einer abnormalen Insulinreaktion an. Nur so ist echte Prävention möglich.

Interessante Artikel auf Englisch

Ivor Cummins – The Fat Emperor: #LCHF The genius of Dr. Joseph R. Kraft – Exposing the true Extent of #Diabetes

http://www.thefatemperor.com/blog/2015/5/10/lchf-the-genius-of-dr-joseph-r-kraft-exposing-the-true-extent-of-diabetes

The Science of Human Potential: JOSEPH KRAFT: WHY HYPERINSULINEMIA MATTERS

https://profgrant.com/2013/08/16/joseph-kraft-why-hyperinsulinemia-matters/

Meridian Valley Labs http://meridianvalleylab.com/

Jeff Gerber – Denver Diet Doctor: Diabetes is a Vascular Disease – More on Joseph R. Kraft, MD

http://denversdietdoctor.com/diabetes-vascular-disease-joseph-r-kraft-md/

 

Buchempfehlung: Diabetes Epidemic & You von Dr. Joseph Kraft

Interview mit Dr. Kraft


[i] Singh, Bhawna, and Alpana Saxena. „Surrogate markers of insulin resistance: A review.“ World journal of diabetes 1.2 (2010): 36.

[ii] Salgado, Ana Lúcia Farias de Azevedo, et al. „Insulin resistance index (HOMA-IR) in the differentiation of patients with non-alcoholic fatty liver disease and healthy individuals.“ Arquivos de gastroenterologia 47.2 (2010): 165-169.

[iii] Brand-Miller, Janette, and Stephen Colagiuri. „The’carnivore connection‘-evolutionary aspects of insulin resistance.“ (2002).

[iv] Takizawa, Motoi, et al. „The relationship between carbohydrate intake and glucose tolerance in pregnant women.“ Acta obstetricia et gynecologica Scandinavica 82.12 (2003): 1080-1085.

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Julia Tulipan ist Biologin (Mag.) und Personal Fitness and Health Trainer (Dipl.) und schreibt für verschiedene Online-Magazine und für ihr eigenes Blog paleolowcarb.de vor allem zu den Themen gesunde und artgerechte Ernährung und Bewegung. Julia hat selbst lange mit ihrer Gesundheit gekämpft. So wurde ihr Interesse an gesunder Ernährung geweckt. Seither hat sie sich mit Low Carb und der Paleo-Ernährung Stück für Stück mehr Lebensqualität zurück erkämpft. Heute verhilft sie auch als Food-Coach und Personal Trainerin anderen zur Topform. Von Julia kannst Du Dich hier individuell beraten lassen.